«Wir brauchen Bewegung im Kägen»
Im Reinacher Gewerbe- und Industriegebiet Kägen liege viel Potenzial brach, sagt Gemeindepräsident Ferdinand Pulver. Deshalb möchte der Gemeinderat dem Quartier neuen Schub verleihen.
Mit 6000 Vollzeitstellen gehört das Kägen-Quartier zu den wichtigsten Gewerbe- und Industriezonen im Baselbiet. Das Arbeitsquartier von kantonaler Bedeutung wird geprägt durch internationale Grossunternehmen wie Endress + Hauser und Neoperl. Das ist aber nur die halbe Wahrheit im Kägen. In den Strassenzügen wechseln sich moderne Wirtschaftsbauten mit alten, teilweise heruntergekommenen Fabriken und Lagerhallen ab. Das Quartier ist in die Jahre gekommen – wirtschaftlich, architektonisch und von der Aussenraumgestaltung her. Dazu kämen aktuell rückläufige Steuereinnahmen aufgrund der Unternehmenssteuerreform im Kanton Baselland und der geopolitischen Unsicherheit, sagt Reinachs Gemeindepräsident Ferdinand Pulver (FDP). Mit Ausnahme von einzelnen Unternehmen herrscht im Kägen seit Jahren ein Innovationsstillstand.
Pulver kündigte bereits im Wahlkampf ums Gemeindepräsidium an, dass er einen politischen Schwerpunkt beim Kägen-Quartier setzen möchte. Nun setzt er sein Versprechen in die Tat um. «Es tut mir weh, zu sehen, welches Potenzial in dieser Perle brachliegt.» Pulver nennt als Gründe für die Krise im Kägen alte Gebäudestrukturen, die auf dem Markt nicht mehr nachgefragt werden, grundsätzlich unattraktive Mietflächen und leere oder schlecht genutzte Lagerflächen. «Das Wirtschaftsgebiet Kägen ist unternutzt», sagt Pulver bei einem Augenschein vor Ort.
Der Rundgang durchs Quartier ist wenig einladend. Speziell in diesem Sommer wurde die Hitzeproblematik im von Beton und Asphalt dominierten Quartier spürbar. Die Analyse des Reinacher Gemeindepräsidenten ist klar: «Wir brauchen Bewegung im Kägen.»
Gespräche mit der CMS initiiert
Die Ausgangslage dafür ist herausfordernd. Die Eigentums- und Mietverhältnisse sind komplex. Ein Viertel des Bodens im Kägen gehört der Christoph Merian Stiftung. Ein Grossteil der Unternehmen ist im Baurecht in den Gebäuden eingemietet. Diese Baurechtsverträge haben unterschiedliche Lebensdauern. Anreize zum Investieren sähen viele Unternehmen aufgrund der begrenzten Laufzeit nicht mehr, konstatiert Pulver. Möchte sich Endress + Hauser vergrössern, werden dem Konzern von anderen Eigentümern immer wieder Steine in den Weg gelegt. Im vergangenen Frühling brachte Pulver Thomas Kübler, Leiter der Standortförderung Baselland, und Vertreter der Christoph Merian Stiftung – unter anderem CEO Baschi Dürr – an einen Tisch, um über die Zukunftsperspektiven des Kägen-Quartiers zu diskutieren. «Alle beurteilen die Situation gleich», berichtet Pulver. Seit Beginn der Gespräche finde zwischen den Parteien ein regelmässiger Austausch statt. Man ist gewillt, in den nächsten Jahren und Jahrzehnten dem Standort Kägen neues Leben einzuhauchen. Der Reinacher Gemeindepräsident hat auch schon Gespräche mit potenziellen Investoren geführt. Um Konkretes zu sagen, sei es aber noch viel zu früh. «Was wir im Kägen anschieben wollen, hat einen Zeithorizont von 20 Jahren und mehr.»
Pulver wünscht sich ein «Leuchtturmprojekt»
Pulver könnte sich vorstellen – und wünscht sich dies auch – dass sich einzelne Eigentümer von benachbarten Parzellen zusammentäten und gemeinsam mit dem Wunsch einer Erneuerung mit einem Quartierplan auf die Gemeinde zukämen. «Ich wünschte mir an einem Standort im Kägen ein Leuchtturmprojekt als Startschuss und Signal, dass es vorwärtsgeht.»
Pulver ist sich dessen bewusst, dass eine substanzielle und strukturelle Erneuerung im Gewerbe- und Industriegebiet auch eine Verdrängung bewirken würde. Die Gemeinde sei bereit, Betroffenen Alternativen in Reinach aufzuzeigen und anzubieten. «Wir haben in anderen Gewerbezonen noch Platz», bekräftigt Pulver. «Wir sind bereit, uns in diese Richtung zu engagieren und betroffene Unternehmen zu unterstützen.» Es brauche aber nicht nur Neues, mahnt der Gemeindepräsident, auch der Bestand müsse intensiv gepflegt werden. Befürchtungen, wonach es im Kägen künftig mehr Wohnraum geben soll, sind unbegründet. Im neuen Richtplan, der zurzeit erarbeitet wird, heisst es klar, dass in diesem Perimeter südlich der Bruggstrasse mit wenigen Ausnahmen, die bereits bestehen, nicht gewohnt werden soll. «Wir wollen keinen Mix. Der Kägen bleibt ein reines Gewerbe- und Industriequartier», versichert Pulver.
Dass an der Ecke Kägenstrasse/Christoph-Merian-Ring schon bald eine McDonald’s-Filiale entstehen wird, löst bei Pulver wenig Begeisterung aus. Er hätte lieber wertschöpfungsstärkere Unternehmen im Kägen. «Ein internationa-les Messtechnik-Cluster rund um Endress + Hauser», sinniert Pulver und sagt sogleich, dass dies wenig realistisch sei.
Neue Stelle «Gebietsmanagement»
Der Reinacher Gemeindepräsident ist von den Vorzügen des Kägen-Quartiers überzeugt. «Die Erreichbarkeit ist hervorragend. Das Quartier ist direkt an die Autobahn angeschlossen, womöglich in Zukunft mit einem eigenen Anschluss. Wir haben mehrere Busverbindungen und in Gehdistanz den Bahnhof Dornach-Arlesheim. Dazu kommt wahrscheinlich eine Ost-West-Tramverbindung der Bruggstrasse entlang. Die neue Fussgänger- und Velobrücke zum Kägen ist politisch beschlossen.» Mit Primeo Energie ist die Gemeinde Reinach daran, einen Wärme- und Kälteverbund mit erneuerbarer Energie zu planen. Durch die OECD-Steuerreform erhalten wenige Gemeinden im Kanton Baselland – darunter Reinach – höhere Steuereinnahmen von juristischen Personen. Diese Mehreinnahmen möchte Pulver zweckgebunden in die lokale Wirtschafts- und Standortförderung mit einer Stelle «Gebietsmanagement» investieren. «Dem Gemeinderat geht es um die Stärkung der lokalen Wirtschaftskraft zur Sicherung der Arbeitsplätze und zur Erhöhung der Steuerkraft», fasst Pulver die langfristigen Ziele zusammen.






