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Die rund 400 Zuhörer in der Weiermatthalle hingen am Freitag Peter Gysling buchstäblich an den Lippen. Veranstaltet wurde der Vortrag über Russland unter Putin von der Bürgergemeinde Reinach.

Erfahrener Redner: Der ehemalige SRF-Korrespondent Peter Gysling sprach frei und
Erfahrener Redner: Der ehemalige SRF-Korrespondent Peter Gysling sprach frei und

Thomas Brunnschweiler

Bereits vor zwei Jahren hatte Peter Gysling über seine Erlebnisse auf der Seidenstrasse berichtet. Nun sprach er über das Thema «Zwischen Ohnmacht und Hoffnung – Russland unter Putin und das Gezerre um die Ukraine». Entsprechend dem Bekanntheitsgrad des langjährigen Korrespondenten Gysling war die Weiermatthalle auch beinahe bis hinten besetzt. Rund 400 Interessierte hatten sich eingefunden. Nach der Begrüssung durch den Bürgergemeindepräsidenten Peter Meier spielten die «Saxischen Vier», ein Saxofon-Quartett, drei Stücke, darunter den «Säbeltanz» von Chatschaturjan.

Der «Homo Sovieticus» wirkt nach

Peter Gysling begann mit der Definition des «Homo Sovieticus», auf den auch die diesjährige Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch verweist. Das Menschenbild der Sowjetunion habe auch die Menschen in Russland, dem grössten Flächenstaat der Welt, nachhaltig geprägt. Gysling liess nochmals die Entwicklung seit der Auflösung der Sowjetunion Revue passieren und zeigte auf, wie die Industrie und die Landwirtschaft langsam zerfielen. Er schilderte den Aufstieg des ehemaligen KGB-Manns Vladimir Putin zum mehrmals gewählten Präsidenten.

Putin werde getragen von einer korrumpierten Clique. Das Gesundheits-, Renten- und Bildungswesen lägen im Argen. Gysling zeichnete Putin nicht als Bösewicht, sondern letztlich als Opfer des eigenen Systems, das auf eine totale Zentralisierung ausgelegt ist. Die Analyse fiel entsprechend ernüchternd aus. «Es besteht kaum Aussicht auf Reformen, die Wirtschaft stagniert, es herrschen Behördenwillkür und repressive Gesetze», sagte Gysling. Dazu kämen Exodus, Kapitalflucht, mangelnde Investitionen und eine Verschlechterung der Ost-West-Beziehungen.

Schwierige Ukrainefrage

In einem weiteren Teil wandte sich Gysling der Ukraine-Frage zu. Hier porträtierte er Putin als geschickten Poker-Spieler, der gleichzeitig die prorussischen Rebellen unterstütze und sich als Friedensengel aufführe. In Russland würde von den Ostgebieten der Ukraine schon von «Neurussland» gesprochen. Gysling zeigte ein gewisses Verständnis für die Annexion der Krim, wobei er darin doch einen Bruch der Rechtsstaatlichkeit sieht. Die Avancen der EU und der Nato in Richtung Ukraine bezeichnete er als ungeschickt. Man erfuhr auch, dass für Angela Merkel die Stadt Mariupol eine rote Linie darstelle, deren Überschreitung nicht geduldet werde.

In der gut genutzten Fragerunde kam die Rede auch auf den jüngsten Zwischenfall mit der Türkei. Nach der Veranstaltung zeigte sich, dass nicht alle Zuhörer mit Gysling einiggingen. Vor allem in der Einschätzung Putins gibt es auch in der Schweiz unterschiedliche Meinungen.

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