«Sprache ist und Sprache macht Identität»
Vergangene Woche fand in der Reinacher Weiermatthalle ein Themenabend über mehrsprachiges Aufwachsen statt. Der grosse Andrang zeigte, dass diesbezüglich bei vielen Familien offene Fragen und Unsicherheiten vorliegen.

Die Schlange vor der Turnhalle war kurz vor dem Beginn der Veranstaltung noch so lang, dass sich die Organisatorinnen kurzerhand dazu entschlossen, die weitere Verteilung der Namensaufkleber aufzugeben und die Leute direkt reinzulassen. Zusätzlich zu den vorher angemeldeten Personen hatten offensichtlich noch einige mehr den Weg in die Weiermatthalle gefunden – was unterstreicht, wie viel Informationsbedarf zum Thema Mehrsprachigkeit vor allem bei jungen Familien besteht.
Manuela Hofbauer, Koordinatorin Frühe Sprachförderung des Kantons Basel-Landschaft, freute sich über den grossen Ansturm: «Wir sind überwältigt von diesem grossen Interesse. Es zeigt aber auch, wie wichtig die Auseinandersetzung mit dem Thema ist.» Sie hob vor allem die Vielfalt der Anwesenden hervor, denn neben Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen fanden auch viele Eltern den Weg nach Reinach. Diese seien ja gewissermassen als Fachpersonen in Bezug auf ihre eigenen Kinder zu verstehen, fügte Hofbauer an. Auf den quer im Raum verteilten Tischen waren Anschriften zu lesen, welcher Sprachen die jeweiligen Leute mächtig waren – neben Deutsch seien insgesamt 29 Sprachen, von Arabisch bis Spanisch, von Türkisch bis Russisch, vertreten gewesen.
Zugehörigkeit und Verständnis schaffen
Durch den Anlass führte Petra Hild, emeritierte Dozentin der Pädagogischen Hochschule Zürich. Ihren Vortrag strukturierte sie anhand von vier Leitfragen, wobei die erste gleich das Fundament legte: Warum ist es überhaupt wichtig, über Mehrsprachigkeit nachzudenken? An den Tischen wurden die Köpfe zusammengesteckt. Die anschliessenden Wortmeldungen adressierten viele Unsicherheiten, beispielsweise verbunden mit Hemmungen, die eigene Muttersprache auf dem Spielplatz zu sprechen, oder der Angst, das Kind zu verwirren.
Hild unterstrich die Relevanz des Themas anhand von Zahlen: «Im Kanton Basel-Landschaft wie auch in Reinach liegt der ausländische Bevölkerungsanteil bei rund 27 Prozent und 81 Prozent der 15- bis 24‑Jährigen geben an, im Alltag mindestens zwei Sprachen zu verwenden.» In einer globalisierten und multikulturellen Gesellschaft werde es also ganz automatisch relevant, sich mit dem Thema der Mehrsprachigkeit auseinanderzusetzen. Das würde auch Zugehörigkeit und Verständnis schaffen – etwas, das in diesem Bereich häufig fehle. «Sprache ist und Sprache macht Identität», betonte Hild.
Herzenssprache
Die zweite Leitfrage thematisierte eine Befürchtung, die wohl vielen im Kopf herumschwirrte: Überfordert es Kinder, mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen? «Die Forschung sagt Nein», war in grossen Buchstaben auf der Leinwand zu lesen. Entscheidend seien vielmehr die Menge und Qualität des sprachlichen Angebots. Kinder müssten eine Sprache ausreichend häufig hören und anwenden können, um die dahinterliegenden sprachlichen Muster zu erkennen. Dabei gehe es nicht nur um das gesprochene Wort, sondern auch um die dazugehörige Mimik, Gestik und andere Bestandteile der Interaktion.
Die dritte Leitfrage knüpfte daran an und behandelte den Aspekt, ob jetzt zu Hause die Muttersprache oder eben doch Deutsch gesprochen werden sollte. «Am meisten profitieren die Kinder, wenn die Eltern ihre stärkste Sprache sprechen. In der sogenannten Herzenssprache kann am reichhaltigsten und lebendigsten kommuniziert werden, was den Kindern am meisten Input mitgibt.» Ob beim Erzählen, Vorlesen, Singen oder gemeinsamen Spielen: Entscheidend sei die Qualität des Austauschs.
Die vierte Leitfrage richtete sich an Fachpersonen und wie diese dem Thema Mehrsprachigkeit besser begegnen und gerecht werden können. So solle beispielsweise die allgemeine Sensibilität in Bezug auf Mehrsprachigkeit und unterschiedliche kulturelle Hintergründe gestärkt werden. Das Mischen der Sprachen sei völlig normal und keineswegs problematisch, es solle sogar vermehrt sichtbar gemacht und aufgegriffen werden. «Man könnte zum Beispiel spielerisch vergleichen, wie Tierlaute in unterschiedlichen Sprachen klingen oder auch wie die Zahlensysteme verschieden aufgebaut sind», regte Hild an und gab dem Publikum Folgendes mit auf dem Heimweg: «Wir sollten das sprachliche Universum öffnen – Sprachen konkurrieren nicht untereinander, sie ergänzen sich.»
«Wir sollten das sprachliche Universum öffnen – Sprachen konkurrieren nicht untereinander, sie ergänzen sich.»


