Bald die Nummer 1 der Schweiz?
Der Reinacher Tennisspieler Mika Brunold erlebte in den vergangenen Wochen mit zwei Turniersiegen einen Höhenflug. Beim Heimturnier in Basel gelang ihm mit etwas Glück der Sprung ins Hauptfeld.

Noch vor wenigen Jahren kämpfte Mika Brunold nach dem Übertritt von den Junioren zu den Erwachsenen um jeden ATP-Punkt, um sich aus den Niederungen der Weltrangliste um Position 1000 herum nach oben zu kämpfen. Anfangs gelang dies nur schleppend. Mittlerweile steht der 22‑Jährige auf Position 195 und ist damit hinter dem dreifachen Grand-Slam-Sieger Stan Wawrinka die Nummer 2 der Schweiz. Läuft es dem Reinacher auch in den kommenden Monaten so gut wie in den vergangenen Wochen, könnte er nach dem Rücktritt von Wawrinka schon bald die Nummer 1 der Schweiz sein.
Der Sprung in der Weltrangliste gelang Brunold unter anderem mit zwei Turniersiegen auf Challenger-Level Mitte September in Österreich und zuletzt im französischen Roanne. Die Challenger-Turniere laufen eine Stufe unter der ATP-Tour, zu der unter anderem die Swiss Indoors in Basel und die Turniere in Gstaad und Genf gehören.
Überraschend keine Wildcard fürs Hauptfeld erhalten
Trotz des Höhenflugs erhielt Brunold keine Einladung – eine sogenannte Wildcard – für das Hauptfeld der Swiss Indoors und musste wie bereits in den vergangenen Jahren in die Qualifikation. Dort gelang ihm in der ersten Runde gegen die Weltnummer 56 Jaime Faria aus Portugal ein Exploit. Es war der bislang am besten platzierte Spieler, den Brunold besiegen konnte. In der zweiten Qualifikationsrunde unterlag er seinem Schweizer Kollegen Rémy Bertola, gegen den er eigentlich favorisiert gewesen wäre. Weil kurzfristig mehrere Spieler verletzungsbedingt für das Hauptfeld absagen mussten, konnte der Reinacher nachrücken und traf am Montag in der ersten Runde auf Nuno Borges (ATP 53). Gegen den Portugiesen zog Brunold mit 3:6 1:6 klar den Kürzeren.
Die zwei Niederlagen an den Swiss Indoors dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der Baselbieter auf dem richtigen Weg befindet. Für Brunold kommt der Höhenflug im Herbst 2026 nicht überraschend. «Ich habe stets gewusst, dass ich dieses Niveau spielen kann.» Ein wichtiger Faktor sei der Trainerwechsel im vergangenen Mai zum Italiener Gianluca Carbone gewesen, der durch seine Erfahrung mit Spielerinnen und Spielern aus den Top 30 wichtige Inputs in mehreren Bereichen liefern könne. Anpassungen in den Bereichen Ernährung, Kondition, Turnierplanung, Taktik, Gegneranalyse und natürlich im Spiel an sich hätten Wirkung gezeigt.
Die Erfolge haben beim Reinacher für mehr Selbstvertrauen geführt. «Ich werde heute während Matches weniger schnell negativ und bleibe auch in engen Situationen ruhig. Ich habe eine gute Mischung aus einem soliden, variantenreichen und offensiven Spiel gefunden.» Er versuche sich heute stärker auf jene Dinge zu fokussieren, die er selber beeinflussen könne, erklärt Brunold.
Kindheitstraum geht in Erfüllung
Mit dem aktuellen Ranking in den Top 200 ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass Brunold im Januar bei den Australian Open erstmals bei der Elite in einer Qualifikation für ein Grand-Slam-Turnier antreten darf. Damit gehe ein Kindheitstraum in Erfüllung, sagt Brunold mit strahlenden Augen, fügt aber gleich an, dass dies nur ein Zwischenziel sein soll. «Top 100, die Teilnahme im Hauptfeld von Grand Slams und anderen grossen Turnieren und natürlich Siege auf ATP-Tour-Niveau», formuliert der Baselbieter seine kommenden Ziele.
Seine Trainingsbasis hat Brunold trotz italienischem Trainer weiterhin bei Swiss Tennis in Biel. Dabei spiele die Nähe zu seiner Familie und der Heimat eine zentrale Rolle. «Ich fühle mich mit Reinach sehr verbunden, obwohl ich als Tennisspieler seit Jahren sehr viel unterwegs bin.» Nach wie vor wohnt der 22‑Jährige bei seiner Mutter in Reinach. Während den Swiss Indoors geniesst er die Zeit zu Hause und verzichtet bewusst auf das vom Turnier für jeden Spieler offerierte Hotelzimmer. «So lange am Stück wie aktuell bin ich wohl nur über Weihnachten in Reinach», schmunzelt Brunold.
«Prozess des Erwachsenwerdens»
Für Schlagzeilen sorgte Brunold im November 2025, als er sich als homosexuell outete. Dass ein Outing heute überhaupt noch Schlagzeilen auslöst, bedauert Brunold. Den Schritt an die Öffentlichkeit habe er bewusst gewählt – es sei auch ein Zeichen seiner gewachsenen Offenheit in vielen Bereichen des Privat- und Tennislebens gewesen. «Ich versuche, Dinge direkter anzusprechen. Ich bin als Persönlichkeit gewachsen, was mir auch auf dem Tennisplatz hilft.» Brunold spricht auch von einem «Prozess des Erwachsenwerdens». Seit seinem Outing verspüre er auch sportlich eine Befreiung.
Mit den Erfolgen der vergangenen Wochen sorgte der Baselbieter wieder ausschliesslich für sportliche Schlagzeilen. So möchte Brunold auch wahrgenommen werden: als Tennisspieler auf dem Weg an die Weltspitze.


