«Ich will Religionstoleranz vermitteln»

Michael Klaiber ist der neue Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde. Im Gespräch spricht er über seine Kindheit, seinen Glauben und darüber, was er in Reinach vorhat.

Hat bereits grosse Herzlichkeit empfangen: Pfarrer Michael Klaiber. Foto: Nicolas Blust
Hat bereits grosse Herzlichkeit empfangen: Pfarrer Michael Klaiber. Foto: Nicolas Blust

Michael Klaiber, wie gut haben Sie sich in der Kirchgemeinde eingelebt?

Michael Klaiber: Meine Stellenpartnerin Florence Develey hat mich wirklich sehr gewissenhaft eingeführt, dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe bei den ersten Kontakten bereits eine sehr grosse Herzlichkeit erfahren. Die Kirchgemeinde ist ein sehr geschäftiger Betrieb, sehr lebendig, und das entspricht mir.

Welches sind Ihre ersten Eindrücke der Kirchgemeinde?

Die Wege hier sind sehr kurz. Die Sozialdiakonin, der Sigrist und die Sekretärin arbeiten gleich im Büro nebenan. Davon kann ich profitieren. Und wir haben auch eine sehr engagierte Kirchenpflege, das stärkt einem natürlich den Rücken und erleichtert die Ankunft.

Sie sind in einem Pfarrhaushalt in Riehen aufgewachsen. Wurde Ihnen der Berufsweg in die Wiege gelegt?

Ich bin im Pfarrhaus in Aesch geboren und im Pfarrhaus in Riehen aufgewachsen. Weil mein Vater Pfarrer ist, habe ich das Christentum schon früh vermittelt bekommen, aber immer auf eine sehr subtile und angenehme, also wohldosierte Art und Weise. Dementsprechend habe ich die Religion als etwas Freies erlebt, das nicht nur gedacht, sondern auch erlebt und gespürt werden kann.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In unserer Familie war immer Platz für traditionelle Elemente – zum Beispiel an Weihnachten die Weihnachtskantate «Navidad Nuestra» von Ariel Ramirez oder die Krippe, die aufgestellt wurde. All das habe ich als Kind erfahren, und es hat sich bei mir im Gedächtnis eingeprägt. Das sind Dinge, die ich bis heute mit meiner Person und mit meiner Herkunft verbinde und auch nicht mehr missen will. Es war aber nicht so, dass wir ständig am Tisch gebetet haben.

Was macht den Beruf des Pfarrers für Sie aus?

Bevor ich die Idee hatte, Pfarrer zu werden, habe ich das Theologiestudium angetreten, im Wissen, dass dort viele Interessensgebiete von mir beheimatet sind. Ich interessiere mich sowohl für alte Sprachen als auch für gesellschaftlich relevante Themen, für Ethik und für Kirchengeschichte. Aus diesem grossen Fundus erwächst dann der wunderbare Beruf des Pfarrers, der an die unterschiedlichsten Themen andocken und auf sie zurückgreifen kann. Ausserdem begleitet man als Pfarrer die Menschen in allen Lebenssituationen, von der Wiege bis zum Grab. Das ehrt mich.

Wie leben Sie Ihren Glauben abseits von Kirche und Predigten aus?

Ich erlebe meinen Glauben im Miteinander, in Gesprächen mit dem Gegenüber, aber auch in der Musik. Mein Vater hat früher bei sich in der Kirche immer einen Abendimpuls gepflegt. Dort wurden die Abendlieder aus dem Gesangbuch angestimmt. Bei diesen Kirchenliedern geht mir bis heute das Herz auf, sie treffen bei mir einen spirituellen Nerv.

Gibt es hier etwas an der Institution Kirche, das Sie manchmal nervt?

Der Pfarrberuf geht auch einher mit vielen Sitzungen, ich fühle mich teilweise fast als Manager, gerade in so einem grossen Betrieb wie hier in Reinach. Das raubt einem manchmal Energie und Zeit, ist aber unvermeidbar.

Gibt es etwas, was Sie als junger Pfarrer klar anders machen wollen als die Generationen vor Ihnen?

Ich bringe natürlich die Eigenheiten meiner Generation mit und habe vielleicht ein Auge für Dinge, auf welche die älteren Generationen weniger Wert legen. Das sind Sachen, die ich wohl dosiert – im Respekt natürlich zur älteren Generation – auch einbringen darf und werde, vielleicht am Anfang eher tröpfchenweise. Danach schaue ich, ob das auf Anklang stösst. Ein bewährtes Konzept umstossen möchte ich aber nicht. Ich bewege mich da schon im Geist und in der Tradition meiner Vorgänger.

Was sind persönliche Interessen, die Sie in Ihre Arbeit einbringen möchten?

Ich möchte sicher auch meine eigene Handschrift einbringen. Ein erstes Beispiel ist der ökumenische Seniorennachmittag zum Thema «Rainer Maria Rilke», der im November stattfinden wird. Ich interessiere mich sehr für Kunst und Literatur. Das sind Dinge, die ich auch in die Gemeinde einbringen will.

Wie interpretieren Sie Ihre Rolle als Pfarrer?

Als ich kürzlich im Basler Münster ordiniert wurde, gab uns der Kirchenratspräsident von Basel-Stadt etwas mit auf den Weg. Er sagte, dass sich das Wort «Pfarrer» vom griechischen «paroikía» ableite und so viel wie «Nachbarschaft» bedeute. Welch schöner Gedanke. Ich verstehe mich tatsächlich als Nachbar, der hier in Reinach in eine grosse Nachbarschaft kommt und all diese Menschen kennenlernen darf. Als Pastor hingegen – also als Hirte, der seine Schafe weidet – sehe ich mich nicht.

Sie wollen Ihren Schwerpunkt auf die Seniorenarbeit legen.

Der Seniorenanteil jeder Kirchgemeinde ist sehr gross, und entsprechend ist die Seniorenarbeit ein wichtiger Teil einer Kirchgemeinde. Sie besteht im Wesentlichen darin, dass Orte und Gefässe geschaffen werden, in denen sich Seniorinnen und Senioren vernetzen können und miteinander unterwegs sind. Ich denke hier beispielsweise an das Trauercafé, das ich weiterführen werde, aber auch an Spielnachmittage, ökumenische Nachmittage mit der katholischen Seite und die Seniorenferien. Das sind alles Dinge, auf die ich mich sehr freue.

Gleichzeitig übernehmen Sie die Co-Leitung des Religionsunterrichts. Wie kann man junge Leute für die Kirche begeistern?

Ich möchte mich dafür starkmachen, dass der Religionsunterricht einen freiheitlichen Geist hat. Er ist interkonfessionell und interreligiös und erreicht dadurch auch Kinder aus anderen Glaubensgemeinschaften. Ich will Religionstoleranz vermitteln, das ist mir extrem wichtig. Wir sollten darauf schauen, was uns eint, und nicht auf das, was trennt. Wenn man das mit Wohlwollen und einer Offenheit vermittelt, kann das auch Kinder interessieren, die einen weniger religiösen Hintergrund haben.

Die Mitgliederzahlen der Kirchen schwinden. Machen Sie sich Sorgen um die Zukunft?

Das beschäftigt uns als Kirchgemeinde natürlich sehr. Es ist zum Teil auch ein gesellschaftlicher Wandel, den wir im Einzelnen nur schwierig beeinflussen können. Gleichzeitig ist die Kirche für die Menschen da – in ganz unterschiedlichen Lebenssituationen, mit Gemeinschaft, Begleitung und vielfältigen Angeboten. Ich wünsche mir, dass die Menschen wieder stärker entdecken, was die Kirche ihnen geben kann. Ich merke hier in Reinach, dass es viele Leute gibt, die sich einbringen und sich engagieren wollen. Wir leisten immer noch eine wichtige Arbeit für das gesellschaftliche Leben. Deshalb glaube ich weiterhin an unseren Fortbestand, wir werden nicht einfach verschwinden.

Wie wichtig bleibt die Kirche für unsere Gesellschaft?

Unsere Welt wird immer schneller und technischer, die Kommunikationswege ändern sich. Das schlägt sich nieder auf uns Menschen, auf alle Generationen. Es herrscht ein hoher Druck zur Selbstdarstellung. Wir als Kirche können diesem Druck entgegenhalten und einen Pfahl schlagen in die Geschwindigkeit der heutigen Zeit. Wir haben eine Botschaft zu vermitteln – und zwar das Evangelium. Es sagt, dass wir alle unbedingt und unabdingbar angenommen sind von der Liebe Gottes. Das ist es, was uns auszeichnet und uns weiterhin tragen wird – dass wir eine Botschaft haben und dass unsere Türen für alle offen stehen.

«Es herrscht ein hoher Druck zur Selbstdarstellung. Wir als Kirche können diesem Druck entgegenhalten und einen Pfahl schlagen in die Geschwindigkeit der heutigen Zeit.»

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