«Ich brauche Menschen, die mit mir rennen und die mir nicht hinterherrennen»
Der Reinacher Tänzer und Choreograf Muhammed Kaltuk übernimmt die Leitung der Tanzsparte eines renommierten Musik-theaters. Gleichzeitig plant er seine nächsten Projekte. Wir haben ihn in diesen turbulenten Zeiten zum Gespräch getroffen.

Wir treffen Muhammed Kaltuk in einem Café in seinem Wohnort Reinach. Der Tänzer und Choreograf kommt direkt aus Zürich, wo er mit einer Tänzerin an einer Choreografie gefeilt hat. Es sind aktuell aufregende Zeiten für den 36-Jährigen. Auf die Spielzeit 26/27 tritt Kaltuk die Leitung der Tanzsparte am Musiktheater im Revier (MiR) in Gelsenkirchen an. Im kommenden Mai führt er das Tanzprojekt «Destroy to Rebuild» seiner Tanzgruppe Company MEK in der Kaserne auf. Für beide Projekte laufen die Vorbereitungen bereits auf Hochtouren.
«Ich bin seit acht Monaten mit den Projekten beschäftigt», sagt Kaltuk. Gleichzeitig ist seine Tanzgruppe auf internationaler Tournee. Wie kriegt man all diese Dinge unter einen Hut? «Der Trick ist, klare Zeiten und Strukturen zu setzen», sagt Kaltuk. Und der Choreograf hat auch gelernt, Verantwortung abzugeben. Seine Tanzgruppe ist auf internationaler Tournee – auch ohne ihn. Die Auftritte funktionieren trotzdem. Denn der Reinacher kann auf ein eingespieltes Team zählen: «Es sind Leute, denen ich vertrauen kann.» Ausserdem sei er bei den Vorbereitungen dabei gewesen. Dass Kaltuk mittlerweile loslassen kann, sei nicht selbstverständlich. Er entdecke sich gerade neu, denn eigentlich sei er schon ein wenig ein Kontrollfreak – im positiven Sinne.
Über 900 Bewerbungen erhalten
Mittlerweile wäre es aber nicht mehr möglich, immer und überall dabei zu sein. Aktuell pendelt Kaltuk zwischen Reinach und Zürich. In wenigen Wochen tritt er seine Funktion in Gelsenkirchen an. Bis im August muss der Leiter der Tanzsparte dort sein erstes Skript einreichen. In Gelsenkirchen wird Kaltuk die künstlerische Verantwortung der Tanzsparte tragen und für rund 20 Personen zuständig sein. Während er in der Vergangenheit oft auf ein ihm bekanntes und eingespieltes Team zurückgreifen konnte, beginnt in Deutschland alles von vorne. Über 900 Personen hätten sich für die Stellen beworben. Die richtigen Leute zu finden, sei nicht einfach gewesen. Er habe schliesslich eine klare Vision, wie das Ganze ablaufen soll. Deshalb laute sein Leitmotiv: «Ich brauche Leute, die mit mir rennen und die mir nicht hinterherrennen.»
In Deutschland wird Kaltuk eine Wohnung beziehen. Trotzdem werde er weiterhin viel pendeln. «Ich habe ein flexibles Arbeitsmodell, bei dem ich physisch fehlen darf. Ich werde aber gerade am Anfang viel dort sein», sagt der Reinacher.
Lernen zu verlernen
Doch Kaltuk ist auch in der Region gefragt. Im kommenden Mai startet das Tanzprojekt «Destroy to Rebuild» seiner Tanzgruppe Company MEK in der Kaserne. Dafür hat er kürzlich auch einen Unterstützungsbeitrag vom Kanton Baselland erhalten. «Destroy to Rebuild» werde ein emotionales und sehr persönliches Projekt: «Es geht darum, internalisierte Rollen zu zerstören und wieder neu aufzubauen.» Das Leitmotiv «lernen zu verlernen» biete ihm dabei viel Inspiration.
Dabei verarbeitet er auch seine persönlichen Erfahrungen. «Mit meiner islamischen Sozialisierung und meiner Prägung durch die Schweizer Gesellschaft wurde ich oft in Schubladen gesteckt.» Kaltuk musste den Erwartungen der Familie wie auch der Gesellschaft gerecht werden, was nicht immer einfach war. «Das sind Sachen, die mich geprägt haben.» Im Stück gehe es darum, wie man mit diesen Rollen umgeht, aber auch aus ihnen ausbrechen kann.
Kaltuk spricht dabei auch schwierige Zeiten an, die er durchleben musste Er hatte eine depressive Phase, die er mit einem Therapeuten verarbeitet hat. Geholfen habe ihm dabei immer das Tanzen, das für ihn ein Ventil ist, um loszulassen und auf andere Gedanken zu kommen. All diese Dinge in ein Stück zu kriegen, sei eine grosse Aufgabe. Zumal am Ende andere Tänzerinnen und Tänzer diese Emotionen übertragen müssen. Daher sei auch der Austausch sehr eng und offen. «Für mich ist megawichtig, dass wir untereinander eine Art von Safe Space haben, wo sich jeder und jede ehrlich einbringen kann», erklärt Kaltuk.
Die kommenden Monate bleiben intensiv. Zeit, auf das Erreichte zurückzublicken, bleibt dabei kaum. Kaltuk hat aber gelernt, dankbar zu sein. Er mache alle paar Wochen «Appreciation Days», an denen er sich Zeit nimmt, in sich zu gehen und auf das Erlebte zurückzublicken. «Ich habe lange nicht verstanden, wie wichtig das ist», verrät Kaltuk. Mittlerweile habe er aber auch das gelernt.


