Hausbesuche ja, aber nicht durch die Polizei

Der Reinacher Gemeinderat prüft, wie mit Hausbesuchen gegen Altersverwahrlosung vorgegangen werden kann. Ein entsprechendes Postulat wurde überwiesen.

Altersverwahrlosung: Reinach will seine älteren Mitmenschen regelmässig besuchen. Wer das machen soll, ist aber noch unklar. Foto: Unsplash.com/Symbolbild

In der Tessiner Gemeinde Mendrisio bekommen ältere alleinstehende Personen regelmässig Besuch von der Polizei. Dies aber nicht, weil sie etwas verbrochen hätten. Die Aktion zielt darauf ab, Anzeichen von Verwahrlosung zu erkennen und Hilfe zu vermitteln. Ein ähnliches Modell wünscht sich FDP-Einwohnerrat Lucio Sansano für Reinach. Er hat deshalb Ende 2024 das Postulat «Prävention Altersverwahrlosung durch Hausbesuche» eingereicht. Der Einwohnerrat diskutierte den Vorstoss am Montag.

«Die Zahl der über 80‑Jährigen steigt. Altersverwahrlosung ist ein Problem, das die Lebensqualität älterer Menschen beeinflusst und auch zu höheren Kosten führt», so Sansano. Zwar gäbe es in Reinach Angebote für ältere Menschen, doch fehle ein koordiniertes Konzept für jene, die sich nicht mehr selbst zu helfen wüssten. Der FDP-Politiker berief sich auf das Forschungsprojekt «Inspire» des Instituts für Pflegewissenschaft der Universität Basel, welches unter anderem das Ziel hat, die Versorgung älterer Menschen im Kanton Basel-Landschaft im eigenen Zuhause zu koordinieren. Betagte bräuchten oft eine Kombination von Dienstleistungen, diese seien jedoch weder zentralisiert noch koordiniert, wodurch die Betroffenen dem «Risiko einer fragmentierten Versorgung» ausgesetzt seien, so der Projektbeschrieb. Sansanos Postulat möchte vom Gemeinderat nun wissen, wie die Idee solcher Hausbesuche auf Reinach adaptiert werden kann, wer sie zu welchen Kosten durchführt und welches Einsparungspotenzial dem gegenübersteht.

Für Zurückgezogene

Widerstand kam vonseiten der SVP. Deren Einwohnerrat Rainer Rohrbach verwies auf Vereine, die um Aktivitäten, Unterstützung und Betreuung von Betagten besorgt sind. Und Parteikollege Adrian Billerbeck fügte hinzu: «Menschen, die in diesem Bereich tätig sind, sollen sich absprechen, um Hilfe zu organisieren. Wir müssen davon wegkommen, alles auf den Staat zu übertragen.» Sansano entgegnete: «Ich bin nicht bei der FDP, weil ich der Meinung bin, der Staat müsse für alles sorgen. Es wäre ja schön, wenn die Betreuung von Betagten einfach so aus den Vereinen und Organisationen hinaus funktionieren würde. Aber das ist nicht der Fall.»

Abseits der SVP genoss Sansanos Vorstoss breite Unterstützung. Katrin Joos Reimer (Grüne) sagte an die Adresse der SVP etwa: «Jemand, der schon so auf dem Rückzug ist, hopst nicht in den Turnverein und geht nicht in den Wanderclub, sondern bleibt zu Hause. Deshalb unterstützen wir das Postulat.» Allerdings war man sich einig, dass Hausbesuche nicht von Polizisten durchgeführt werden dürfen. Nach angeregter Debatte wurde das Postulat an den Gemeinderat überwiesen.

Am liebsten zu Hause

Die Reinacher Einwohnerratssitzung stand am Montag in Zeichen älterer Menschen, denn vor der Debatte um Sansanos Postulat wurde über eine Vorlage zu Gutschriften für selbstbestimmtes Wohnen im Alter diskutiert. «Wir haben in Reinach immer noch zu wenig bezahlbare hindernisfreie Wohnungen», sagte Gemeinderat Peter J. Meier (Mitte). Auch er verwies auf eine Inspire-Studie, wonach 88 Prozent der Befragten in der Versorgungsregion Alter Birstal angaben, dass für sie das Wohnen im eigenen Zuhause eine ideale Lebenssituation darstelle.

Doch: «Die Kosten für Hilfe und Betreuung zu Hause müssen von den betroffenen Personen selbst getragen werden.» Personen mit schmalem Geldbeutel schauen hier in die Röhre. Der Gemeinderat schlägt deshalb vor, Gutschriften für Hilfen und Betreuungsleistungen im Rahmen eines dreijährigen Pilotprojekts zu unterstützen. Die Vorlage wurde an die Sachkommission Bildung, Soziales und Gesundheit (BSG) überwiesen.

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