«Ein Abschied mit einem weinenden und einem lachenden Auge»

Mehr als 13 Jahre lang war Urs Hintermann Gemeindepräsident von Reinach. Im folgenden Interview äussert er sich ein letztes Mal politisch in der Öffentlichkeit.

Deutliches Zeichen gesetzt: Urs Hintermann hofft, dass nach seinem Rücktritt alle wesentlichen Akteure in Reinach wieder konstruktiv zusammenarbeiten können.  Foto: ZVG
Deutliches Zeichen gesetzt: Urs Hintermann hofft, dass nach seinem Rücktritt alle wesentlichen Akteure in Reinach wieder konstruktiv zusammenarbeiten können. Foto: ZVG

Urs Hintermann kann auf ein fast 40-jähriges Engagement in der Reinacher Gemeindepolitik zurückblicken – zuerst als SP-Einwohnerrat und ab 1999 als SP-Gemeinderat. 2004 wurde er zum Gemeindepräsidenten gewählt. Er galt als einer der profiliertesten Gemeindepräsidenten im ganzen Kanton Baselland. Die Vorkommnisse rund um die freigestellte Asylbetreuerin Farideh Eghbali haben ihn zu einem vorzeitigen Rücktritt bewogen. Im «Wochenblatt» äussert sich Urs Hintermann nochmals zu den Vorkommnissen und berichtet von seiner persönlichen Situation.


Wochenblatt: Wie geht es Ihnen heute?
Urs Hintermann: Danke der Nachfrage. Mir geht es soweit gut. Ich bin dabei, mein Leben neu zu organisieren. Natürlich dauert diese Umstellung mehr als nur ein paar Wochen. Aber es ist ja immer auch eine Chance.


Es ist nun ein Monat her, seit Sie zurückgetreten sind. Was gab damals den Ausschlag für Ihre Entscheidung?
Urs Hintermann: Die Erkenntnis, dass aufgrund der verfahrenen Situation ein konstruktives Miteinander nicht mehr möglich ist. Der Rücktritt war ein Befreiungsschlag.


Und was erhoffen Sie sich von diesem Befreiungsschlag?

Urs Hintermann: Mein Schritt ist mit dem Wunsch verbunden, dass ein Ruck durch die Gemeinde gehen möge. Und dass einige beginnen, Fragen zu stellen. Etwa die, warum denn eine ganze Verwaltung bis zum Gemeindepräsidenten angebliche Missstände hätte unter den Tisch wischen sollen? Welchen Sinn hätte das gemacht?


Man gibt es halt nicht gerne zu, wenn im eigenen Haus nicht alles in Ordnung ist.
Urs Hintermann: Unsinn. Fehler kommen früher oder später auf den Tisch. Das weiss jeder Verantwortliche.


Sie sind immer noch überzeugt, alles richtig gemacht zu haben?
Urs Hintermann: Das habe weder ich noch der Gemeinderat je behauptet. In einem solchen Konflikt machen alle Seiten Fehler. Deshalb hat der Gemeinderat auch schon vor Wochen von sich aus beschlossen, durch eine externe Untersuchung klären zu lassen, was er in Zukunft besser machen könnte. Wir haben bisher kaum nennenswerte Arbeitskonflikte gehabt, und wenn es solche gab, dann haben wir sie intern und zivilisiert gelöst. Aus dem Ruder gelaufen ist der jetzige Konflikt erst, als er in die Medien getragen und dort skandalisiert wurde. Von diesem Moment an hatten wir keine Chance mehr, eine vernünftige Lösung zu finden.


Ihre politische Karriere endete abrupt. Ein Abschied in Bitterkeit?
Urs Hintermann: Ein Abschied mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Ich blicke auf zwölf erfolgreiche Jahre zurück, in denen wir für die Gemeinde viel erreicht haben. E-Mails, Briefe und Telefonanrufe aus der Bevölkerung und von ehemaligen Mitarbeitenden bestätigen mir, dass sich der Einsatz gelohnt hat. Das weinende Auge betrifft weniger meine Person, als generell die Vorgänge, die sich zuletzt in Reinach abgespielt haben. Ich mache mir Sorgen, wenn ich sehe, was die mediale Hetzjagd eines einzelnen Journalisten in der Gemeinde ausgelöst hat.


Zum Beispiel?
Urs Hintermann: Ich war und bin erstaunt, wie viele Leute sich anhand hochgradig tendenziöser Zeitungsartikel eine Meinung anmassen. Wenn zudem Mitglieder von Prüfungsbehörden Vorgänge öffentlich kommentieren und schon wissen, wer richtig und wer falsch gehandelt hat, bevor sie überhaupt mit den Prüfungen begonnen und mit beiden Seiten gesprochen haben, dann stelle ich natürlich die Frage: Wie wollen diese Akteure jetzt noch eine unabhängige und neutrale Prüfung eines Sachverhalts durchführen?


Es gingen Gerüchte um, sie hätten einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erlitten. Hat dies zu Ihrer Entscheidung beigetragen?
Urs Hintermann: Es trifft zu, dass ich am Tag vor der Einwohnerratssitzung eine Streifung erlitten habe. Es geht mir aber wieder gut. Meine Gesundheit war für den Entscheid nicht ausschlaggebend. Tatsache ist aber, dass mir der Zwischenfall Zeit gegeben hat, viel nachzudenken. Dabei ist mir bewusst geworden, dass die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen Gemeinderat, Einwohnerrat und Verwaltung – so wie wir sie zwölf Jahre lang gelebt haben – entscheidend für die Entwicklung und das Wohlergehen unserer Gemeinde war. Und es ist mir klar geworden, dass es ein deutliches Signal braucht, damit sich wieder alle Akteure darauf besinnen, kritisch, aber konstruktiv zusammenzuarbeiten. Ich hoffe, mit meinem Rücktritt den Weg dazu freizumachen.

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