«Denken Sie daran,Sie sind nicht alleine unterwegs»

Seit zehn Jahren bietet «Reinach redet» Diskussionen und Informationen über gesellschaftliche Themen rund um Kindheit und Jugend. Vergangene Woche ging es um Druck, Angst und Unsicher-heit.

Gastgeber des Abends: Mirjam Strub, Kinder- und Jugendbeauftragte der Gemeinde Reinach,und Martin Kobel, Konrektor der Sekundarschule Reinach.Foto: Tobias gfeller
Gastgeber des Abends: Mirjam Strub, Kinder- und Jugendbeauftragte der Gemeinde Reinach,und Martin Kobel, Konrektor der Sekundarschule Reinach.Foto: Tobias gfeller

Das Thema wiegt schwer. Jedes dritte Kind in der Schweiz leidet täglich unter Stress. Das ergab 2024 die Jugendstudie von Pro Juventute. Befragt wurden dafür tausend Kinder im Alter zwischen 9 und 15 Jahren. «Viele Kinder sind unter Druck, viele Familien sind erschöpft», resümierte Muriel Barth, Psychologin bei den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel (UPK), im Rahmen von «Reinach redet» am vergangenen Donnerstag im Schulhaus Bachmatten. Gemeinsam mit Psychologin Ronja Zeugin ist Barth am Erlenhof in Reinach tätig. Barth und Zeugin referierten zum Thema «Druck, Angst, Unsicherheit – und jetzt?».

Barth regte das Publikum an, in sich zu gehen und sich an die eigene Schulzeit zu erinnern. Nicht alles sei damals rosig gewesen. «Auch wir hatten damals Stress», betonte Barth. Trotzdem sei die Ausgangslage für Kinder und Jugendliche heute anders. Eine zentrale Rolle spielen die sozialen Medien. «Die Vergleiche finden heute nicht nur mit den Nachbarskindern statt, sondern mit viel mehr Kindern im Netz – und das international.»

Ängste ernst nehmen

Barth und Zeugin nannten neben den sozialen Medien den Leistungsdruck in der Schule und zunehmende Termine für Sport und Instrumente als Gründe für den gestiegenen Stress bei Kindern und Jugendlichen. Es sei essenziell, die von den Kindern ausgestrahlten Anzeichen wie Rückzug und Bauchschmerzen ernst zu nehmen und nicht noch zusätzlich Druck aufzusetzen. «Die Antwort liegt selten in noch mehr Leistung, sondern in Beziehung und Verstehen in kleinen, wirksamen Schritten», beschrieb Zeugin. Ängste, auch wenn sie irrational erscheinen, gelte es ernst zu nehmen.

Die beiden Psychologinnen stellten Instrumente vor, mit denen die Resilienz gestärkt und Achtsamkeit und Akzeptanz trainiert werden können. Wenn die Angst überhandnimmt, das Kind nicht mehr zur Schule will und sich sozial isoliert, ist es ratsam, professionelle Hilfe zu holen. Wie breit das Spektrum an Fach- und Anlaufstellen ist, zeigte sich am Donnerstag bei der anschliessenden Tischmesse auf dem Pausenplatz. Vor Ort waren unter anderem die Gemeinde- und Schulbibliothek Reinach, die Schulsozialarbeit, die Familien- und Jugendberatung Birseck, das Jugendhaus Palais noir, die Kantonspolizei, die Gesundheitsförderung Baselland, eine Psychologin und eine Psychotherapeutin der Psychiatrie Baselland und eine Kinderärztin aus Reinach. Die Teilnehmenden nahmen das Angebot dankbar an und vertieften sich in Gespräche mit den Fachpersonen und tauschten sich untereinander aus. Der Appell von Martin Kobel, Konrektor der Sekundarschule Reinach, an die anwesenden Eltern, war unmissverständlich: «Denken Sie daran, Sie sind nicht alleine unterwegs.»

Expertise bündeln und einsetzen

«Reinach redet» ist ein gemeinschaftliches Projekt engagierter Akteurinnen und Akteure aus der Kinder- und Jugendförderung. Jährlich wird ein Schwerpunktthema mit Veranstaltungen und Beiträgen begleitet, um eine fundierte Meinungsbildung zu unterstützen. Das Projekt entstand 2016 und ist heute eine feste Institution in Reinach. «Der Fokus liegt dabei auf Themen, die in der Praxis besonders relevant sind und den Alltag von Familien, Lehrpersonen und Fachpersonen am stärksten betreffen», erklärt Mirjam Strub, Kinder- und Jugendbeauftragte der Gemeinde Reinach. So werde sichergestellt, dass die Veranstaltungen «praxisnah, alltagsrelevant und unmittelbar nutzbar» sind.

Im Projekt engagieren sich mehrere Institutionen aus Reinach und Umgebung. Der Erfolg von «Reinach redet» resultiert laut Strub aus einer Kombination aus fundierter Expertise und persönlichem Einsatz der involvierten Akteurinnen und Akteure. Der regelmässige informelle Austausch habe die Kooperation zwischen den Institutionen gestärkt. Die Vernetzung sorge dafür, dass fachliche Expertise zum Nutzen der Reinacher Kinder- und Jugendförderung gebündelt und gezielt eingesetzt wird.

Weitere Artikel zu «Reinach», die sie interessieren könnten

«Die Musik kann helfen, mit dem klarzukommen, was auf der Welt abgeht»: Musiker Bruno Blunschi. Foto: zvg
Reinach22.04.2026

Der Troubadour, der das Leben reflektiert

Mit nachdenklichen Mund-artliedern erzählt Bruno Blunschi aus dem Leben, das allen bekannt vorkom-men dürfte.
«Die Massnahmen waren eine Zumutung»: Gemeindepräsident Ferdinand Pulver erklärt, weshalb sie dennoch nötig waren. Foto: Archiv / Tobias Gfeller
Reinach22.04.2026

Positive Aussichten trotz Millionendefizit

Die Rechnung 2025 der Gemeinde Reinach schliesst besser ab als budgetiert. Der Verlust beträgt 3,6 Millionen Franken. Budgetiert wurde ein Defizit von 7…
Engagiert für Reinach: Leiterin Kursgruppe Sibylle Menassé und Präsident Lukas Schreiervom Verein AGLR Lebendiges Reinach. Foto: Florin Bürgler
Reinach15.04.2026

AGLR-Jubiläum: Seit 50 Jahren engagiertgegen Reinach als Schlafstadt

Der Verein AGLR Lebendiges Reinach feiert sein 50‑Jahr-Jubiläum. Beim Tag der offenen Tür im Leimgruberhaus konnte ein Blick hinter dieKulissen des heutigen…