Das Kägentier ist wieder da

Die Reinacher Zunft zu Rebmessern schenkt der Gemeinde eine Holzskulptur des alten Kägentiers. Das Wissen um die Reinacher Sage soll an Schulen vermittelt werden.

Scharfe Zähne, rote Augen: Toni Flückiger hat seine Holzskulptur den Schilderungen  in der Reinacher Sage nachempfunden. Foto: Meinrad Stöcklin
Scharfe Zähne, rote Augen: Toni Flückiger hat seine Holzskulptur den Schilderungen in der Reinacher Sage nachempfunden. Foto: Meinrad Stöcklin

Am Rande des Kägenwaldes, dort, wo der Sonnenhofring von der Neuhofstrasse abzweigt, steht seit vergangenem Samstag eine furchteinflössende Gestalt: Die Rede ist vom Kägentier, das einer Reinacher Sage entstammt und nun in Form einer Skulptur wieder zum Leben erweckt wurde. Die rund 1,2 Tonnen schwere, hölzerne Kreatur ist ein Werk des bekannten Emmentaler Motorsägekünstlers Toni Flückiger, dessen Skulpturen in der ganzen Schweiz zu finden sind und der mit seiner Motorsägekunst schon in der SRF-Sendung «Die grössten Schweizer Talente» zu sehen war. Die Kommission Sozial- und Kulturfonds der Reinacher Zunft zu Rebmessern hat das Ungeheuer in Auftrag gegeben, um es zur Erinnerung und Erhaltung dieser Sage der Einwohnergemeinde Reinach zu schenken.

Künstlerische Freiheit

Am Samstag wurde das Kägentier nun feierlich enthüllt und gemäss zünftigem Brauch, bei dem die Zunftfahne um den Kopf des Tiers geschwenkt wird, eingeweiht. «Niemand kann genau sagen, wie das Kägentier ausgesehen hat. Deshalb sind der Fantasie des Künstlers keine Grenzen gesetzt», sagte Historiker Franz Wirth vor versammelten Gästen aus Reinacher Zunftwesen, Kultur und Politik. Für den Gemeinderat waren Doris Vögeli (GLP) und Peter J. Meier (Mitte) anwesend. Wirth verwies in seiner Ansprache auf Werke anderer Künstler, die sich an das Kägentier herangewagt hatten, etwa an das Mosaik von Walter Eglin aus dem Jahr 1959 am alten Schulhaus Bachmatten, welches aber Bauarbeiten zu Opfer fiel.

Eine Bestie mit Feueraugen

Im Kägenwald – heute ein beliebtes Naturschutz- und Naherholungsgebiet zwischen Reinach und Aesch – soll in früheren Zeiten, als dieser dunkel und undurchdringlich war, ein furchterregendes Tier gehaust haben. Einige sprachen sogar von einer schrecklichen Bestie. Das Kägentier wurde als Untier mit einem grossen, plumpen Leib und Riesentatzen mit scharfen Krallen beschrieben, andere Quellen berichten von einem Wesen mit zwei schweren Flossen oder mit schwarzen Flügeln. Das Kägentier soll grosse feurige Augen und eine Riesenschnauze mit spitzen Eckzähnen gehabt haben.

Eltern warnten früher Kinder – heute ist das Monster friedlich

Die Reinacher Geschichte vom Kägentier gehört in den Bereich der Sagen und Mythen. Schriftlich festgehalten wurde sie im 19. Jahrhundert vom Dekan und Arlesheimer Ehrendomherr Johann Georg Sütterlin, welcher Sagen aus dem Birseck sammelte. Offenbar hat das Kägentier aber bis in die jüngere Vergangenheit den Alltag der Menschen im Quartier geprägt. «Vor 70 Jahren sagten meine Eltern zu mir, ich solle keinesfalls in den Kägenwald gehen», erzählte Projektleiter und Zunftbruder Paul Schär am Samstag. Allerdings wurde die Sage zwischenzeitlich, da blutrünstige Kindergeschichten ausser Mode gekommen waren, auch umgeschrieben: Plötzlich war das Kägentier keine böse Bestie mehr, sondern ein putziger kleiner Drache, welcher Kindern in Reinach helfen wollte.

Um die ursprüngliche Sage für die nachfolgenden Generationen zu erhalten, hat die Zunft ein kleines Lehrmittel für Schülerinnen und Schüler angefertigt. Die Skulptur beim Kägenwald ist zudem mit einem QR-Code versehen – darüber kann die Geschichte des Kägentiers in Dialekt und Hochsprache angehört werden. Musikalisch umrahmt wurde der Anlass am Samstag mit Lieddarbietungen einer Schulklasse.

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