Dank unverhofftem Erbe: Hier finden Obdachlose ein Dach über dem Kopf

Die Pädagogischen Wohngruppen Reinach (PWG) bieten obdachlosen Menschen ein Dach über dem Kopf. Die Institution feiert heuer ihr 25-jähriges Bestehen.

Fachmann: Sacha Tanner bringt in der Arbeit mit Obdachlosen viel Erfahrung mit. Hier sitzt er vor einer der Liegenschaften der Wohngruppe in Reinach. Foto: zvg

An einem bitterkalten Novembermorgen 1998 klopft ein Mann an die Tür des Obdachlosenhauses «Zur Eiche» in Birsfelden. Alle Plätze sind belegt – die 1990er-Jahre sind geprägt von Bildern der offenen Drogenszene, Obdachlosenhäuser platzen aus allen Nähten. Der Gast darf sich im Büro des stellvertretenden Hausleiters Harald Neumann ausruhen. Plötzlich klingelt das Telefon – die Polizei fragt nach dem Mann. Dieser habe sich umgehend auf dem Polizeiposten in Reinach zu melden. Dort wird ihm mitgeteilt, dass er ein grosses Haus mit Garten in Reinach geerbt habe. Der Mann, ausser sich vor Freude, bietet dem vertretenden Heimleiter an, dieses Haus günstig zu mieten, denn er selbst habe keine Verwendung dafür, wolle so oder so nach Südamerika auswandern. Harald Neumann sagt zu und gründet mit seiner Frau Renata 1999 ein Haus für Obdachlose in Reinach.

Diese skurril anmutende Geschichte ist die Geburtsstunde der Pädagogischen Wohngruppen Reinach (PWG), die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiern. In sieben Häusern und zwölf Wohnungen bieten die PWG Menschen, die von Obdachlosigkeit betroffen sind, ein Zuhause. Elf Mitarbeitende aus den Bereichen Soziale Arbeit, Pflege und Arbeitsagogik kümmern sich um die Betroffenen in den Wohngruppen. «Die Aufnahme erfolgt in einer der sieben Wohngruppen. Eine Wohnung kann erst beziehen, wer sich in der Gruppe bewährt hat», sagt Heimleiter Sacha Tanner. Seit mehr als drei Jahren hat der Sozialarbeiter diese Funktion inne, und bringt viel Erfahrung im Bereich Sucht- und Obdachlosenhilfe mit – angefangen hatte er seine berufliche Karriere im Gassenzimmer Basel.

Akzeptanzorientiert

Die PWG Reinach bieten nicht nur Obdach, sondern auch eine Tagesstruktur, die sich in Bereiche wie Küche, Garten, Atelier oder Unterhaltsarbeiten gliedert. Aktuell wohnen 26 Menschen, die unter einer Suchterkrankung leiden und obdachlos geworden sind, in den PWG. Die Wege dahin sind vielfältig. Tanner gibt ein Beispiel: «Jemand kommt wegen einer Krise in die Psychiatrie, ist eine Weile stationär dort. Vor der Entlassung stellt sich heraus, dass diese Person gar keine Bleibe hat. Dann ruft uns der Sozialdienst der Klinik an, stellt eine Anfrage und wir schauen, ob es passt.»

Nicht geeignet sind die PWG für Personen, die eine Abstinenz anstreben, denn: «Wir arbeiten akzeptanzorientiert. Es fliegt bei uns keiner raus, weil er einen Rückfall in die Abhängigkeit hat. Das Angebot ist bewusst niederschwellig.» Für manche Obdachlose sei «die Hürde der Abstinenz» zu hoch. «Es geht darum, dass sich der Mensch trotz seiner Abhängigkeit angenommen fühlt.» Ob Obdachlosigkeit immer in Zusammenhang mit einer Abhängigkeit stehe? «In aller Regel ist es gepaart. Die meisten Obdachlosen haben einen problematischen Substanzgebrauch, hatten schon zuvor oder entwickeln daraus ein psychisches Leiden – eine Depression oder eine Psychose etwa. Viele kommen in finanzielle Schwierigkeiten, können die Miete nicht mehr bezahlen und es kommt zu einer Zwangsräumung.» Ob man als Obdachloser nachts bei den PWG anklopfen könne? «Das nicht. Es gibt ein Erstgespräch und die Möglichkeit zu schnuppern. Währenddessen klären wir die Finanzierung. Wenn das alles passt, kann der Klient kommen. Das Ganze dauert in der Regel rund eine Woche.»

Immer dranbleiben

Rund 2200 Menschen gelten in der Schweiz als obdachlos. Der Bedarf für ein solches Angebot sei nach wie vor vorhanden, sagt Sacha Tanner: «Für Obdachlose im Baselbiet gibt es relativ wenig Wohnmöglichkeiten. Sie müssen in die Notschlafstelle in Basel, wo sie 40 Franken zahlen.» Es existieren politische Vorstösse auf Bundesebene, die ein «Housing First»-Konzept vorsehen – Obdachlose sollen erst einmal ein Dach über dem Kopf erhalten, bevor alles andere geprüft wird.

Wer mit ihm spricht, spürt: Sacha Tanner macht seine Arbeit mit Hingabe: «Jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient. Suchterkrankung kennt keine Grenzen, sie geht quer durch die Gesellschaft.» Er ist stolz, Leiter einer Institution zu sein, «welche die Menschen auch in einer Krise nicht fallen lässt. Das ist unser Auftrag». Wichtig sei es, immer dranzubleiben, sich auch von Rückschlägen nicht entmutigen zu lassen. Am kommenden Donnerstag laden die PWG Reinach Freunde und Nachbarschaft ein, das Jubiläum am Hauptsitz am Juraweg 16 zu feiern. Unter anderem werden Expertinnen und Experten an einem Podium zum Thema diskutieren.

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