Blick zurück: Vom Dorfetter zur Stadt vor der Stadt

Am Dienstabend fand im Heimatmuseum die Vernissage der neuen Ausstellung zur Siedlungsgeschichte Reinachs statt. Der Historiker Franz Wirth gab aufschlussreiche Einblicke in die letzten rund 500 Jahre.

Applaus und ein Geschenk: Der Referent Franz Wirth (links) und Fredi Kilchherr, Präsident der Heimatmuseumskommission.  Foto: Thomas Brunnschweiler
Applaus und ein Geschenk: Der Referent Franz Wirth (links) und Fredi Kilchherr, Präsident der Heimatmuseumskommission. Foto: Thomas Brunnschweiler

Thomas Brunnschweiler

Der Zunftsaal war gut besetzt, als Fredi Kilchherr, Präsident der Heimatmuseumskommission, die Anwesenden begrüsste. Mit dem Entschluss der Kommission, die Siedlungsgeschichte Reinachs zu dokumentieren, hat man durchaus den Nerv der Zeit getroffen. Denn an Reinach, das einst ein armes Dorf war, lassen sich die Tendenzen der teilweise unkontrollierten Zersiedelung und klassischen Bausünden der Nachkriegszeit exemplarisch aufzeigen. Die Entwicklung von Reinachs Aufstieg vom kleinen Weiler zur Stadt wird auf sieben übersichtlichen, je einer Periode zugeordneten Tafeln gezeigt, die in fünf Bereiche eingeteilt sind: Landkarte, Bevölkerungsentwicklung, Analyse der Periode, siedlungsgeschichtliche Marksteine und fünf einzelne repräsentative Objekte. Hinter dem Konzept der Ausstellung steht der Historiker und ehemalige Gymnasiallehrer Franz Wirth.

Verheerender Dreissigjähriger Krieg
Erstmals erscheint «Rinach» auf dem «Bürsfluss-Plan» von Jakob Meyer 1665, auf dem mit 30 Häusern wohl nur die Hälfte aller Gebäude abgebildet ist. Ausserhalb des Dorfetters, eines Zauns aus Weidengeflecht, durfte nicht gebaut werden. Dass die Bevölkerung, die bis 1629 auf 370 angestiegen war, bis 1772 wieder auf 293 zurückging, ist dem Dreissigjährigen Krieg zuzuschreiben, in welchem Reinach mehrfach gebrandschatzt wurde. Im frühen 18. Jahrhundert kam die Salzverwaltung nach Reinach und damit das Salzmagazin, das damals grösste Gebäude. Um 1770 wurde das Kuryhaus gebaut, das dem Salzdirektor und Schaffner Franz Anton Goetz gehörte.

Rasante Bevölkerungsentwicklung
Langsam wurde den Bauern das Gebiet im Etter zu klein und die Industrialisierung führte dazu, dass Arbeiterhäuser gebaut wurden. Immer mehr dehnte sich das Baugebiet aus und machte schliesslich auch vor dem Rebberg nicht mehr Halt. Der 1925 vom Gemeinderat gefällte Entscheid, eine Baulinie zu ziehen, die keine Etappierungen oder Zoneneinteilungen kannte, zeitigte unheilvolle Folgeerscheinungen, die man in Reinach noch heute «bewundern» kann. Zwischen 1960 und 1980 wuchs die Bevölkerung um fast 290 Prozent auf 17 813 Personen. Die Karte von 1988 zeigt eine völlig überbaute Ebene, einen überbauten Rebberg und neue Quartiere in Richtung Aesch. Dazu kam die Überbauung des Kägenareals. Dass es in Reinach in architektonischer Hinsicht durchaus positive Beispiele neuen Bauens gibt, beweisen die Atriumsiedlungen «In den Gartenhöfen» und «Im Pfeiffengarten» (1960) und andere moderne Bauwerke, für die sich auch Architekturliebhaber aus dem In- und Ausland interessierten.

Lohnende Ausstellung
Glücklicherweise wurde ein Plan aus den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts, der praktisch den totalen Abriss des alten Dorfkerns vorsah, nicht realisiert. Die in den 80er-Jahren beschlossene Auszonung des Buchloch-Areals wurde aufgrund von Schadensersatzdrohungen sistiert, jene des Reinacherhof-Geländes scheiterte an der Intervention des Regierungsrates. Die heutige Überbauung ist zwar zweckmässig, aber städtebaulich alles andere als überzeugend. Die lohnende Ausstellung über die Siedlungsgeschichte in Reinach kann jeden Sonntag von 14 bis 17 Uhr an der Kirchgasse 9 besucht werden.

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