Reinach
25.03.2020

«Die Arbeit gibt uns eine gewisse Normalität in dieser schwierigen Zeit»

«Im Moment geht es noch»: WBZ-Bewohnerin Seraina Baumgartner darf wegen des Coronavirus keinen Besuch mehr empfangen; ihre sozialen Kontakte pflegt sie zurzeit über das Handy. Foto: ZVG

«Im Moment geht es noch»: WBZ-Bewohnerin Seraina Baumgartner darf wegen des Coronavirus keinen Besuch mehr empfangen; ihre sozialen Kontakte pflegt sie zurzeit über das Handy. Foto: ZVG

Für das Wohn- und Bürozentrum (WBZ) in Reinach ist das Coronavirus sowohl in der Pflege, der Beschäftigung als auch finanziell eine Herausforderung.

Von: Tobias Gfeller

WBZ-Geschäftsführer Stephan Zahn macht Homeoffice in Blauen. Jene Mitarbeitenden, denen dies ebenfalls möglich ist, ziehen mit. Das sind neben den gesunden Mitarbeitenden teilweise auch solche mit einer Behinderung. «Vereinzelt wird sogar Homeoffice im Zimmer im WBZ gemacht», verrät Stephan Zahn. Viele Bewohnerinnen und Bewohner gehören zu den Risikogruppen. Mit kreativen Lösungen versuchen die Verantwortlichen des WBZ, die Gratwanderung zwischen deren Schutz vor einer Infektion mit dem Coronavirus und dem Aufrechterhalten der Beschäftigungs- und Arbeitsprogramme zu schaffen. Denn, sämtliche Arbeiten und Beschäftigungen ruhen zu lassen, kommt für Stephan Zahn nicht in Frage. «Die Arbeits- und Beschäftigungsangebote sind für die Bewohnerinnen und Bewohner enorm wichtig. Sie sind für viele die einzige Möglichkeit, sich ausserhalb ihres Zimmers zu betätigen.» Dies bestätigt Bewohnerin Seraina Baumgartner: «Die Arbeit gibt uns eine Struktur im Alltag, eine gewisse Normalität in dieser schwierigen Zeit. Sonst würde ich womöglich den ganzen Tag über das Coronavirus nachdenken.» Die Tätigkeiten wurden aber so eingeschränkt, dass der empfohlene Mindestabstand eingehalten werden kann. «Die Chefs kamen sogar mit dem Holzmeter, damit unsere Arbeitsplätze wirklich mindestens zwei Meter voneinander entfernt sind», verrät Seraina Baumgartner, die morgens im Büro und nachmittags im Atelier
arbeitet.

In den Zimmern ist es den Bewohnerinnen und Bewohnern aufgrund ihrer Behinderung nicht möglich, sich gross zu bewegen und betätigen. Die psychische Belastung würde bei einem Stopp der Beschäftigungs- und Arbeitsprogramme stark zunehmen, befürchtet Stephan Zahn. Jene Mitarbeitenden mit einer Behinderung, die ausserhalb des WBZ wohnen, wurden aber angehalten, zu Hause zu bleiben, um sich vor einer Infektion auf dem Arbeitsweg zu schützen. Der Geschäftsführer denkt deshalb auch über einen Antrag nach Kurzarbeit nach.


Oberste Priorität: Schutz vor dem Virus
Das Coronavirus trifft das WBZ wie andere KMU auch wirtschaftlich. Aufträge fehlen und gebuchte Veranstaltungen im Gastronomiebereich werden abgesagt. Das Restaurant hat ganz geschlossen. Einen Besuchsstopp hat das WBZ schon länger eingeführt, was aber noch immer nicht überall auf Verständnis stösst. «Wir müssen unsere Bewohnerinnen und Bewohner so gut es geht vor einer Infektion schützen», erklärt Stephan Zahn wiederholt. Für Bewohnerin Seraina Baumgartner ist dies verständlich, kann aber auch zur Belastung werden. «Im Moment geht es noch. Aber wer weiss, wie es in mir in zwei bis drei Wochen aussieht.» Ihre sozialen Kontakte pflegt sie zurzeit über das Handy. Möglich ist noch, dass ihre Eltern sie am Wochenende mit nach Hause nehmen, ohne dass sie das WBZ betreten.
In der Pflege wurden die sonst schon strengen Hygienemassnahmen nochmals hochgefahren. Für die Mitarbeitenden ist das Coronavirus eine grosse Herausforderung. Sie wissen, dass sie als «Externe» eine Schleusenfunktion einnehmen zwischen der öffentlichen Gesellschaft draussen und der fragilen Gesellschaft im WBZ.


WBZ-Neubau gefährdet?
Folgen hat das Coronavirus auch für den Neubau. Zwar hat der Bundesrat (noch) keinen Baustellenstopp verordnet, doch schon jetzt sei der Einfluss der Krise spürbar, wenn gewisse Produkte nicht mehr geliefert werden und dadurch Verzögerungen entstehen. Und Verzögerungen kosten Geld, stellt WBZ-Geschäftsführer Stephan Zahn klar. «Die Finanzierung war schon vorher knapp. Das wird jetzt natürlich noch dramatischer.» In der schweren Zeit spüre er aber immer wieder auch Positives: «Der Zusammenhalt unter den Mitarbeitenden ist fantastisch. Sie alle machen einen tollen Job. Dazu spüren wir von Firmen Kulanz und Fairness.» Nun hofft Stephan Zahn, dass sich nach dem Ende der Corona-Pandemie die Auftragslage schnell wieder erholt und Normalität einkehrt.