Widerstand gegen Strassen-Verlegung
Für die Verlegung der Kantonsstrasse ins Tal muss der Kanton ansässige Firmen enteignen. Diese wehren sich nicht gegen die Strasse per se, sondern gegen deren Ausgestaltung. Zankapfel ist die Velovorzugsroute.

Urs Ullrich, CEO der Paul Ullrich AG mit Sitz an der Aliothstrasse 40 in Münchenstein, ist ein passionierter Velofahrer. Bei Wind und Wetter fährt er mit dem Velo vom Bruderholz zur Arbeit. Trotzdem kritisiert er die geplante Velovorzugsroute durchs Tal in Münchenstein und Arlesheim. Die «Velovorzugsroute Birsstadt Ost» ist Bestandteil der geplanten Verlegung der Kantonsstrasse vom alten Dorfkern Münchenstein und der Hauptstrasse/Birseckstrasse durch Arlesheim hinunter ins Tal durch die Aliothstrasse entlang des Bahntrassees (das Wochenblatt berichtete). Anschliessend führt die Kantonsstrasse in die Talstrasse.
Da durch die Hinzunahme der Velovorzugsroute für das Projekt deutlich mehr Platz benötigt wird, müssten für eine Realisierung der Kantonsstrasse die Paul Ullrich AG, die Stamm AG und die Selmoni AG Land an den Kanton abtreten. Unter anderem müssten der Kopfbau der Stamm AG abgerissen und über 50 Parkplätze entlang des Hochregallagers der Paul Ullrich AG aufgehoben werden. Da die Aliothstrasse auf über 100 Metern im Besitz der ansässigen Unternehmen steht, müsste der Kanton auch dafür bezahlen. «Wir haben nichts gegen die Verlegung der Kantonsstrasse, im Gegenteil. Wir begrüssen eine bessere Erschliessung des Gewerbe- und Industriegebiets im Tal. Auch haben wir nichts gegen Velofahrer. Wir stören uns an der Ausgestaltung des Projekts, das aus Platzgründen so nicht funktionieren kann», erklärt Urs Ullrich gegenüber dem Wochenblatt.
Velovorzugsroute entlang der Birs?
Ohne die Velovorzugsroute würde das Projekt funktionieren, sagt Ullrich auf einer Velofahrt durchs Quartier. «Wir würden die Velovorzugsroute auf dem bestehenden Radweg entlang der Birs bevorzugen. Man könnte diesen ohne Probleme um einen Meter verbreitern, wenn dies sein müsste.»
Die kantonale Bau- und Umweltschutzdirektion (BUD) möchte sich aktuell nicht zum Verlauf der Velovorzugsroute äussern, da das Geschäft zurzeit in der vorberatenden Kommission des Landrats besprochen wird.
Den Vorschlag von Ullrich, das äussere, nur wenige Tage im Jahr genutzte Bahngleis (bekannt auch als «Zuckerrübengleis») aufzuheben, um für die Strasse mehr Platz zu schaffen, lehnen die SBB ab. Sie benötigen das Gleis weiterhin als Rangiergleis, wie die Medienstelle auf Anfrage mitteilt.
«Wir fordern vom Kanton einen Konsens, dass man in der Planung diese Anliegen berücksichtigt», betont Ullrich. In der öffentlichen Mitwirkung, an der sich auch die ansässigen Unternehmen ausführlich geäussert haben, wurde die Kritik nicht berücksichtigt. «Man will das Projekt so wie geplant durchziehen. Da fühle ich mich als Mitwirkender schon vor den Kopf gestossen.» Ullrich hat das Gefühl, dass es in Sachen Velovorzugsroute vor allem um ideologische Gründe gehe. Für die Velofahrenden sieht er zusätzliche Gefahren durch das abrupte Ende der knapp fünf Meter breiten Velovorzugsroute auf Höhe Selmoni AG. «Die Velovorzugsroute endet im Nirgendwo. Velofahrende vom Bahnhof Münchenstein her sollen in der Kurve auf die linke Strassenseite auf die Velovorzugsroute geführt werden. Zudem ist der Winkel der Bahngleisquerung extrem klein und es besteht bei nassem Belag eine gross Sturzgefahr.»
Höhe der Entschädigungen noch offen
Ullrich wirft dem Kanton auch finanzielle Intransparenz vor, weil in den aktuell angegebenen Projektkosten von 38,5 Millionen Franken die Entschädigungen für die Enteignungen und die Kosten für die versprochenen Ersatzparkfelder nicht miteinberechnet sind.
Sowohl über die Entschädigungen wie auch über die alternativen Parkiermöglichkeiten herrscht aktuell Unklarheit. Angedacht ist ein oberirdisches Parkhaus direkt entlang der Fassade der Paul Ullrich AG. Dafür müsste eine Wiese mit Kirschbäumen, auf der Schwarznasenschafe von Urs Ullrich grasen, weichen. Möglich sind auch zusätzliche Parkplätze bei der Alten Papieri in Arlesheim.
Referendum und Einsprachen
Urs Ullrich und Oscar Elias, CEO der Stamm AG und ebenfalls regelmässiger Velofahrer, konnten ihre Anliegen in der vorberatenden Bau- und Planungskommission des Landrats darlegen. Dort seien sie auch auf Verständnis gestossen, verrät der CEO der Paul Ullrich AG. Die Kommission wird in den kommenden Wochen über das Geschäft befinden. In den Landrat kommt die Vorlage gegen Ende Sommer. Stimmt eine Mehrheit des Kantonsparlaments dem Geschäft gemäss aktuellen Planungen zu, werden Ullrich und seine Mitstreiter das Referendum ergreifen.


