«Mich bringst du nicht in ein Hotel»
Die Kunst des einfachen Urlaubs – nirgendwo wird sie besser beherrscht als auf dem Campingplatz in Reinach.
Wer es sich erlauben kann, steht jedes Jahr von neuem vor der Frage: Wo die Ferien verbringen? Wünsche und Zwänge liegen oft nah beieinander. Das mobile Zeitalter treibt uns an, das Weite zu suchen: Flug für eine Kulturreise nach Japan, Wanderurlaub im schottischen Hochmoor oder doch per Kurzflug an die sizilianischen Strände? Dabei gibt’s auch vor der eigenen Tür Urlaubsorte. Meine zwei Räder tragen mich durch die Basler Agglomeration. Kleinere Einfamilienhäuser und Wohnblöcke wechseln sich ab, ehe auf knallgelbem Hintergrund das Wort «Camping» aufleuchtet. Buchstaben, die meine Sinne täuschen. Feriengefühl steigt auf, obschon es nur ein kurzer Besuch sein wird. Die Strasse zur Birs hinunter führt direkt in (derzeit leidendes) Grün hinein. Links rauschen unsichtbar die Autos auf der Autobahn vorüber. Stephan (Müller) – das «Sie» mag er nicht – prüft den Angekommenen kurz mit scharfem Blick, dann zeigt er sein gutmütiges Lächeln. Mit Partnerin Barbara Trösch und Camper Christoph aus der Ostschweiz sitzt er vor der Réception und gönnt sich ein Bier. Keine Minute ist verstrichen, da fährt bereits der erste Camper vor. Barbara verschwindet ins Innere, um die Gäste zu empfangen, während Stephan erzählt, wie es dazu kam, dass sie vor vier Jahren den Camping übernahmen. Durch ein Inserat auf Facebook wurden Stephan und Barbara auf den Reinacher Campingplatz aufmerksam. Nach acht Jahren Betriebsleitung eines Campings auf dem Jaunpass wechselten sie in die Basler Agglomeration. «Dort hatten wir gleich nebenan einen Skilift», erzählt Stephan.
Für Basel Tattoo: gekommen, um zu bleiben
«Hast du noch einen Platz frei?», klingt Barbaras Stimme aus dem Walkie-Talkie. «Für eine Nacht geht’s, ja», antwortet Stephan ins Gerät. Barbara fragt zurück: «Für zwei also nicht?» – «Nein, morgen sind wir voll.» Viel «Gesindel» habe auf dem Campingplatz gelebt, als sie ihn vor vier Jahren übernahmen, erzählt Stephan. Sozialfälle und Drogenabhängige hätten Dauercamperplätze gemietet und hier gewohnt. Der Camping Waldhort sei auch bei einer sozialen Institution in der Stadt als Adresse angegeben gewesen. Unter den neuen Betreibern öffnet der Campingplatz nur noch von März bis Oktober. «Zuerst kamen vor allem Campierer, die auf der Durchreise waren. Jetzt bleiben sie oft auch länger», sagt Stephan. Bestes Beispiel hierfür ist Christoph, der vor einem Jahr einen Campingplatz suchte, um das Basel Tattoo zu besuchen. Nun ist er zurückgekehrt. Nur bleibt er diesmal über eine Woche lang im Waldhort. «Du kannst in den Zoo gehen oder die Basler Altstadt anschauen; es gibt viel zu tun hier.»
Barbara hat die Formalitäten mit den neuen Gästen abgeschlossen – nun ist Stephan gefragt. Der Berner Oberländer schwingt sich auf sein Elektromobil und führt den Campingbus aus dem Kanton St. Gallen an seinen Stellplatz. «Follow me» steht in knallroten Lettern am Hintersitz von Stephans Gefährt. Der Bus folgt artig. Auf der einen Seite des Weges stehen Wohnwagen mit stattlichen Vorzelten. Ein untrügliches Zeichen für Dauercamper. Im Herzen des Campings, wo «die Touristen» unterkommen, wie Stephan sagt, herrscht gerade mehr Betrieb. Ein Campingclub aus St. Gallen ist für ein paar Tage mit mehreren Campingbussen angereist. Im hinteren Teil des Campings bauen Veloreisende auf einer Wiese ihre Zelte auf.
Stephan betritt eine der drei sanitären Anlagen. Der Spruch «Träume nicht dein Leben, sondern lebe deinen Traum» ziert die Wand. So abgedroschen die Worte sind; Stephan hat sie mit Barbara wahr gemacht. Aber er sagt: «Du musst für das, was wir hier machen, leben, sonst drehst du durch.» Jeden Tag seien sie 15 Stunden auf dem Platz präsent. Als Paar rund um die Uhr zusammen unterwegs. Schon als Bub kannte Stephan durch seinen Vater nichts anderes als Campingferien. «Mich bringst du nicht in ein Hotel», sagt er.
Nach einer Lehre als Zimmermann arbeitete er viele Jahre als Dachdecker, bis er eines Tages aus neun Metern Höhe hinunterstürzte. Die Ärzte hätten ihm gesagt, mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit werde er mit einem Bein nicht mehr gehen können. Stephan wollte sich aber nicht unterkriegen lassen und bewarb sich trotz Unsicherheit mit seiner Partnerin Barbara für die Pacht des Campings auf dem Jaunpass. Sie erhielten sofort den Zuschlag. Und Stephan konnte bald schon wieder eigenständig gehen. Weil er heute selbst einen Campingplatz betreibt, findet er mit Barbara nur noch in den Wintermonaten Zeit, um selbst zu campieren. Zurück bei Gast Christoph entspinnt sich im Zigarettenqualm eine Debatte über die richtige Art des Campierens. «Früher hat man einander noch geholfen, heute sagt man nur noch ‹Sie›, viele gehen auf Distanz», klagt Stephan. Er empfinde den Umgang noch immer als sehr solidarisch, entgegnet Christoph, insbesondere im Waldhort. Das möge sein, erwidert Stephan, «aber ich meine die grosse Masse».
Beide stören sich am Trend der immer luxuriöser ausgestatteten Camper. «Heute ist es oftmals Glamping – da kannst du auch gleich ins Hotel», sagt Christoph, der sich seit 25 Jahren zur Zunft der Camper zählt. Darum würden sie ihren Campingplatz bewusst schlicht halten, sagt Stephan. «Bei uns ist’s nicht Glamour, hier ist es noch Campieren.»
Selbst der Präsident hat einen fixen Wohnwagen
Marc Berger, Präsident des Camping- und Caravanningclubs beider Basel, stösst zum Grüppchen hinzu. Er ist selbst seit fünf Jahren Dauercamper im Waldhort, obwohl er wenige hundert Meter oberhalb in Reinach wohnt. «Ich bin trotzdem fast täglich hier», sagt Marc. Viele aus der Agglomeration hätten hier dauerhaft einen Wohnwagen installiert, weiss Stephan. «Sie leben in einer Blockwohnung und haben hier mehr Luft.» Marc etwa zählt seit der Pandemie zu den Dauercampern im Waldhort. Obwohl er damals noch nicht einmal einen Wohnwagen besass, mietete er einen Platz. Insgesamt 350 Mitglieder zählt der Campingverein beider Basel, der seit 80 Jahren das Land der Bürgergemeinde Reinach pachtet und den Campingplatz an Betreiber vergibt. Der Verein betreibt einen zweiten Platz im jurassischen Pontoye. Stephan und Barbaras Camping kam im vergangenen Jahr während der Fussball-EM in Basel im deutschen und im niederländischen Fernsehen.
Die Buchungszahlen hätten sich in den letzten Jahren rasch nach oben entwickelt, erzählt Stephan mit seinem gutmütigen Lächeln. 500 Onlinebuchungen verzeichneten sie im vergangenen Jahr. Ihr Campingplatz lockt aber auch Gäste, die nicht in ihre Vorstellungen passen. «Wir sind uns manchmal nicht ganz einig, wen wir annehmen», sagt Barbara.
Einig waren sie sich hingegen bei einer für beide unvergesslichen Episode im vergangenen Jahr, als Fahrende 20 000 Franken in bar auf den Tisch gelegt hätten. «Sie wollten mit mehreren Wohnwagen kommen», erzählt Barbara. «Die bringst du nachher nie mehr weg.» Er könne das Geld gleich wieder einpacken, hätten sie dem Fahrenden gesagt.
«Zuerst kamen vor allem Campierer, die auf der Durchreise waren. Jetzt bleiben sie oft auch länger.»






