«Wer glaubt, diese Oper zu kennen, kennt sie eigentlich noch nicht»

neuestheater.ch nimmt am Stephanstag die Eigenproduktion «Così fan tutte» in der Inszenierung des künstlerischen Leiters Georg Darvas wieder auf. Das Wochenblatt hat mit ihm über das Stück gesprochen.

«Ich ergreife mehr die Partei für die Frauen»: Regisseur Georg Darvas führt in seiner Inszenierung die Männer in ihren Schwächen vor.  Foto: Thomas Brunnschweiler
«Ich ergreife mehr die Partei für die Frauen»: Regisseur Georg Darvas führt in seiner Inszenierung die Männer in ihren Schwächen vor. Foto: Thomas Brunnschweiler

Wochenblatt: Warum wird «Così fan tutte» von Mozart in diesem Jahr nochmals ins Programm aufgenommen?

Georg Darvas: Die Oper war letztes Jahr immer ausverkauft, da dachten wir, dass vier zusätzliche Aufführungen sinnvoll sind. Um Weihnachten zeigen wir immer etwas Glanzvolles. Die Daten sind an Ausgeh- oder Feiertagen angesetzt.


Die TV-Serie «Seitentriebe» zeigt, dass heutige Menschen stark am Gefühls- und Sexualleben anderer interessiert sind. War dies auch zu Mozarts Zeiten der Fall und wie bediente der Librettist Da Ponte diese Neugier?

Georg Darvas: In seiner Zeit grenzte die Oper an einen Skandal. Die Neugier an der Erotik war aber genauso gross wie heute, nur nicht in der Öffentlichkeit. Aber unter der Hand kursierten in der Rokokozeit sogar pornografische Darstellungen. In Da Pontes Oper geht es um die Spannung zwischen den Geschlechtern. Erotischer Anziehung steht die bürgerliche Liebe gegenüber. Alle vier Beteiligten erleben die bürgerliche Liebe als langweilig. Als heissblütiger Italiener hat Da Ponte die menschliche Seele so gut wie kein anderer durchschaut. Mozart war punkto Erotik ebenfalls empfänglich. Auf jeden Fall ist die Oper kein Moralstück und der Ausgang bleibt offen.


Es heisst in einem Artikel: «Die Da- Ponte-Oper mit Gender-Hinweis.» Was heisst das konkret?

Georg Darvas: In dieser Inszenierung sind Frauen Frauen und Männer Männer. Aber ich versuche zu zeigen, dass Verführbarkeit nicht bei einem Geschlecht überwiegt. Die Männer werden in ihrer Schwäche vorgeführt. Ich ergreife mehr die Partei für die Frauen.


Inwiefern gehen Sie bei der Inszenierung von «Così fan tutte» neue Wege?

Georg Darvas: Für Maya Boog ist die Despina eine neue Rolle, die eigentlich für eine reifere Sängerin vorgesehen ist. Ich habe versucht, eine Gruppe von Sängern etwas konzertant aufführen zu lassen. Durch das Bühnenbild rutschen sie in die Oper hinein und kehren am Schluss erschöpft zum Konzert zurück. Zum ersten Mal wird eine Livekamera eingesetzt, was zu sehr präzisem Arbeiten verpflichtet. Was die Sänger spielen, ist kein Traum, sondern entspricht eher den Bildern, die sie im Kopf haben.


Hat es in der Besetzung der Stimmen Änderungen zu 2018 gegeben und wie schätzen Sie die Qualität des Ensembles selbst ein?

Georg Darvas: Fiordiligi ist neu mit Laura Andres besetzt, eine Sängerin mit einer sehr kraftvollen Stimme. Remy Burnens ist unterdessen am Staatstheater Meiningen (Thüringen) angestellt. Überhaupt ist das ganze Ensemble klasse.


Warum würden Sie potenziellen Operngästen empfehlen, «Così fan
tutte» zu besuchen? Viele glauben ja, diese Oper schon zu kennen.


Georg Darvas: Erstens weil «Così fan tutte» ganz neu gestaltet ist und Menschen von heute auf die Bühne bringt. Zweitens ist es ein witziger, kurzweiliger und abwechslungsreicher Abend. Drittens ist die Oper frisch und aktuell. Wer glaubt, sie zu kennen, kennt sie eigentlich noch nicht. Es gibt kein besseres Programm für einen Silvesterabend.


W. A. Mozart: Così fan tutte, neuestheater.ch Dornach, Stephanstag, 26. Dezember, 16.30 Uhr; Silvester, 31. Dezember, 20.15 Uhr; 3. Januar. 19 Uhr;
5. Januar, 16.30 Uhr. Weitere Informationen: <link http: www.neuestheater.ch>www.neuestheater.ch.

Weitere Artikel zu «Region», die sie interessieren könnten

Traditionelle Klänge: Die Live-Musik im Festzelt sorgte für gute Stimmung. Foto: zvg / Toni Fischlin
Region21.10.2026

50 Jahre Heimatmuseum: «Wenn wir Aescher etwas können, dann ist es feiern»

Das Aescher Heimatmuseum feiert sein 50-Jahr-Jubiläum. Zu diesem Anlass richtete das Museum am vergangenen Wochenende ein zweitägiges Festprogramm aus und…
Besuch auf Schweizer Baustelle: (von links) Andreas Meyer (Hummel & Meyer), Fränzi Ramseier, Appolinaire Yaméogo und Patrick Meyer (Hummel & Meyer). Foto: Tobias Gfeller
Region21.10.2026

Blick über die Schweizer Schulter: Solarbauer aus Burkina Faso besucht Aescher KMU

Die Pfeffingerin Fränzi Ramseier sammelt Spenden für Solaranlagen auf Schulen in Burkina Faso. Kürzlich lud sie den Direktor einer regionalen Berufsschule in…
Hier wird gerodet: (von links) Daniel Spichty (Bürgerrat), Philipp Götsch (Forstrevier), Fredi Hügi (Revierförster) und Marco Freda (Swissgrid-Förster) am Waldrand von Münchenstein. Foto: Tobias Gfeller
Region21.10.2026

Brandgefahr: Hundert Bäume müssen weg

Bei der Waldhütte der Bürgergemeinde Münchenstein werden Anfang November rund hundert Bäume gefällt. Aktuell besteht die Gefahr, dass Bäume auf die Stromleitung…