Verwahrlosung im Alter früh erkennen

Reinach soll ältere Menschen besuchen, um zu schauen, ob sie alleine zurechtkommen.

Ob sie sich gut ernähren: Das könnte bei regelmässigen Besuchen bei älteren Menschen überprüft werden. Symbolbild: Pixabay.com

Die Gemeinde soll ältere, alleinstehende Menschen regelmässig besuchen, sich über ihr Wohlbefinden erkundigen und beobachten, ob sie gut alleine durchs Leben kommen. Das fordert der Reinacher FDP-Einwohnerrat Lucio Sansano in einem Postulat.

Der 24-Jährige hat während Corona ein Solidaritätsnetzwerk in Reinach mitgegründet und festgestellt: «Erstaunlich viele Ältere waren sehr einsam und freuten sich beim Übergeben der Einkäufe sehr, wenn man sich – mit Maske – noch kurz mit ihnen hinsetzte.» Mindestens so wichtig sind ihm jetzt bei seinem Vorstoss finanzielle Überle­gungen: «Ziel dieser Besuche ist es, frühzeitig Anzeichen von Vereinsamung, Selbstvernachlässigung oder anderen Problemen zu erkennen und entsprechende Hilfsangebote zu vermitteln.» Er beruft sich dabei auf Studien, wonach präventive Hausbesuche kostenintensive Pflege- oder Gesundheitsleistungen hinauszögern oder verhindern können.

Der Wirtschaftsstudent hat Mendrisio vor Augen. Dort schlägt die Polizei allen Alleinstehenden über 72 monatliche Besuche vor. Ein Beitrag von SRF von 2022 zeigt, dass es dabei vor allem ums Zwischenmenschliche geht. Die besuchten Seniorinnen und Senioren freuen sich über ein Gespräch. Fast nebenbei kontrolliert der Polizist, ob die Person Ordnung hält und sich gut ernährt. Sieht er Handlungsbedarf, meldet er dies dem Sozialdienst.

Dieses Modell gibt es in Mendrisio seit rund 30 Jahren, es ist in der Schweiz aber einzigartig. Sansano schlägt nun vor, der Gemeinderat solle prüfen, inwiefern es auf Reinach anwendbar ist und ob damit Kosten eingespart werden können. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Wie viele Baselbieter Gemeinden muss Reinach sparen. Ein wesentlicher Grund für die roten Zahlen sind auch hier die steigenden ­Alterskosten.

Pro Senectute Schweiz hält das Modell Mendrisio für sinnvoll und erhofft es sich für die ganze Schweiz, heisst es im SRF-Beitrag.

Michael Harr, Geschäftsleiter von Pro Senectute beider Basel, begrüsst «neue Modelle und innovative Ideen». Er bezweifelt aber, dass das Mendrisio-Modell auf Reinach anwendbar wäre, weil Besuche in Zeiten von Enkeltrickbetrügern «neue Gefahren von Missbrauch und Betrug» bergen. Zudem hat er punkto Auswahl der zu Besuchenden datenschützerische Bedenken.

«Kein Ausweiten des Staatsapparates»

Dem Vorwurf, die Gemeinde könnte die älteren Menschen mit den Besuchen bevormunden, hält Sansano entgegen: «Es soll sicher niemand gezwungen werden, mit irgendjemandem zu reden.» Vom Gemeinderat hat er aber gehört, dass auch in Reinach die Fälle von Altersverwahrlosung zunehmen. «Viele wissen nicht, dass es in der Gemeinde bereits Angebote für sie gibt. Darauf kann man hinweisen.» Als Freisinniger sei er der Meinung, der Staat solle nur eingreifen, wenn es ihn brauche und es sich für ihn lohne. «Wenn das Modell aus Mendrisio an Reinach angepasst werden kann und es funktioniert, handelt es sich nicht um ein Ausweiten des Staatsapparates. Vielmehr investieren wir in die Bekämpfung einer späteren Kostensteigerung.» Bisher haben nur Freisinnige seinen Vorstoss unterschrieben. Er habe aber Anzeichen dafür, dass auch andere Fraktionen ihn unterstützen werden.

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