Beratungsstelle FJB: scharfe Kritik an Aesch und Reinach

Die Misstöne rund um die Familien- und Jugendberatung Birseck (FJB) werden lauter. Vereinspräsident Kevin Voegtli rügt die Gemeinderäte Aesch und Reinach für deren Kommunikation.

Nach Austritt: Der Fortbestand der Familien- und Jugendberatung Birseck ist akut gefährdet. Symbolbild: Vitaly Gariev / Unsplash.com
Nach Austritt: Der Fortbestand der Familien- und Jugendberatung Birseck ist akut gefährdet. Symbolbild: Vitaly Gariev / Unsplash.com

Ab dem 1. Januar bieten die Gemeinden Aesch und Reinach eine eigene Beratungsstelle für Familien, Kinder und Jugendliche an. Der Austritt aus der Familien- und Jugendberatung Birseck, der sich bereits im vergangenen Herbst abgezeichnet hatte, ist damit definitiv. Die Beratung soll kostenlos und niederschwellig sein, erklärten Reinachs Gemeindepräsident Ferdinand Pulver (FDP) und Aeschs Gemeinderätin Monika Fanti (Die Mitte) kürzlich gegenüber dem Wochenblatt. Therapeutische Angebote wie bei der FJB wird es bei der neuen Beratungsstelle nicht geben.

Kevin Voegtli (SP), zuständiger Dornacher Gemeinderat und Präsident des Vereins FJB, sowie die Mitarbeitenden der Beratungsstelle erfuhren die Neuigkeiten aus dem Wochenblatt und nicht direkt von Pulver und Fanti. Das war von den Gemeinderäten Aesch und Reinach zwar anders geplant, ging zeitlich aber nicht auf. «Ich kann dieses Vorgehen nicht nachvollziehen. Es kann nicht sein, dass wir als Vorstand und vor allem die Mitarbeitenden dies aus der Zeitung erfahren müssen», kritisiert Voegtli. Die Art des Austritts und der Kommunikation hätte sie schwer enttäuscht.

Pulver und Fanti schreiben dazu auf Anfrage: «Am Dienstagabend wurden die Protokolle mit den Beschlüssen zur FJB in den Gemeinderäten Aesch und Reinach bestätigt. Teil der Beschlüsse war, dass alle Anbieter gleichzeitig informiert werden, sobald die Beschlüsse in beiden Räten bestätigt sind.» Am Donnerstagmorgen früh seien alle Anbieter gleichzeitig und somit auch die FJB vor der Info im Wochenblatt informiert worden. «Offenbar war die Donnerstagsausgabe vom 21. Mai des Wochenblattes, trotz Sperrfrist bis Donnerstag, bereits am Mittwochabend online einsehbar, was bei der FJB verständlicherweise zu Unmut geführt hat», so Pulver. «Das war so nicht beabsichtigt, und wir bedauern das sehr.»*

«Übergang zwischen Beratung und Therapie fliessend»

Der Präsident der Familien- und Jugendberatung Birseck hat danach Pulver und Fanti aufgefordert, an der nächsten vereinbarten Vorstandssitzung am 10. Juni teilzunehmen. Doch beide hätten abgelehnt und wollen gemäss Kevin Voegtli an gar keiner Sitzung des FJB-Vorstandes mehr teilnehmen. Für den Vereinspräsidenten ist diese abweisende Haltung nicht nachvollziehbar. «Aesch und Reinach sind bis Ende Jahr Mitglied bei der FJB. Wir müssen unter anderem besprechen, wie wir bei Klientinnen und Klienten aus Aesch und Reinach vorgehen, deren Beratung Ende Jahr beginnt und über den Jahreswechsel hinausgeht. Eine Beratung endet ja nicht auf einen Kalendertag.» Der Übergang in die neue Beratungsstelle sei aber laut Aesch und Reinach ein operatives Geschäft, welches von einer Arbeitsgruppe der beiden Gemeinden geleitet wird.

Bei der Offerte für eine Verlängerung der Leistungsvereinbarung sei der Vorstand gemäss Voegtli auf alle Wünsche von Aesch und Reinach eingegangen. «Wir haben ihnen angeboten, dass sie aus dem Verein austreten können und nur noch die Leistungen, die sie genau wollen, bestellen könnten. Eine wirkliche Antwort haben wir nie erhalten.»

Stellenabbau droht

Für das Team der Familien- und Jugendberatung Birseck ist die Situation belastend. Dass es ohne die Gemeinden Aesch und Reinach personell zu einem Abbau kommen wird, ist wohl unumgänglich, auch wenn neue Gemeinden konkretes Interesse an einer Mitarbeit geäussert haben. «Wir müssen an der Sitzung am 10. Juni mögliche Szenarien definieren und ein mögliches Minibudget für die Zeit ab 2027 aufstellen», erklärt Voegtli. Da auch der Gemeinderat Pfeffingen die Vertragsverlängerung über den 31. Dezember 2026 offengelassen hat, ist der Fortbestand der FJB akut gefährdet. Es ist nicht auszuschliessen, dass es weitere Mitgliedergemeinden Aesch und Reinach gleichtun werden, um Kosten zu sparen.

Stellenleiterin Karolina Herrlich äusserte in einer Stellungnahme im Namen des Teams deutliche Kritik an den Gemeinden Aesch und Reinach, gerade auch hinsichtlich der Kommunikation der Austritte. «Das Team erfuhr somit praktisch zeitgleich mit der Öffentlichkeit von den definitiven Plänen der beiden Gemeinden. Dies wurde vom Team als wenig wertschätzend und belastend erlebt.» Die von Pulver und Fanti geäusserte Kritik an der FJB greife zu kurz und bilde die fachliche Realität der Arbeit der FJB nur unvollständig ab.

«Wichtige überbrückende und stabilisierende Funktion»

«Die Arbeit mit Familien, Kindern, Jugendlichen und Paaren lässt sich nicht klar in Beratung oder Therapie trennen. Übergänge sind in der Praxis oft fliessend», schreibt Herrlich. Die FJB grenze sich klar von psychiatrischen und schweren psychotherapeutischen Fällen ab und verweise entsprechende Anliegen an spezialisierte Fachstellen weiter. «Gleichzeitig zeigt die aktuelle Versorgungslage, dass psychotherapeutische Angebote häufig erst nach langen Wartezeiten verfügbar sind. Die FJB übernimmt deshalb in gewissen Situationen eine wichtige überbrückende und stabilisierende Funktion – ein Vorgehen, das auch von Reinach und Aesch in der Vergangenheit mitgetragen wurde.» Die Darstellung, wonach therapeutische Leistungen einfach an andere Fachstellen delegiert werden könnten, verkenne laut Herrlich die Realität der heutigen Versorgungssituation.

Die Frage stellt sich allgemein, weshalb die öffentliche Hand bei Familienstreitigkeiten und persönlichen Problemen eine steuerfinanzierte Beratungsstelle anbieten muss. Man könne sich diese Frage grundsätzlich stellen, gibt Vereinspräsident Voegtli zu, fügt sogleich aber an: «Es geht darum, tiefgreifende Probleme abzufangen, bevor sie eskalieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass man mit einem solchen Angebot am Ende des Tages Geld spart.»

 

* Anmerkung der Redaktion: Das Wochenblatt erscheint online jeweils direkt am Donnerstag nach Mitternacht als E-Paper auf der Wochenblatt-Website. Auf einem spezifischen Upload-Portal konnte es am Mittwochabend schon eingesehen werden. Dieses musste aber bekannt gewesen und aktiv gesucht worden sein.

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