Vergessener Tourismusboom: So mondän war das Baselbiet um 1900
Um die vorletzte Jahrhundertwende reisten Gäste aus ganz Europa ins Baselbiet – bis der Erste Weltkrieg den Boom abrupt beendete. Eine Ausstellung in Lies-tal erinnert an dieses fast vergessene Kapitel.

Gäste aus St. Petersburg kuren auf dem Bienenberg, ein Direktzug bringt Badewillige direkt von Paris nach Rheinfelden. – Was absurd klingt, war um 1900 Wirklichkeit. Die Region im und rund um das Baselbiet war damals ein internationaler Tourismusmagnet, der sich als mondäne Destination inszenierte. Eine sehenswerte Ausstellung im Dichter:innenmuseum Liestal zeichnet dieses kurze, intensive Kapitel nach. Plakate, Postkarten und Dokumente zeigen eine Region, die mehr sein wollte als nur das Hinterland von Basel. Das «milde, nebelfreie Klima» versprach freie Sicht, wenn auch nicht aufs Mittelmeer, so zumindest auf die Berge: Eine Postkarte zeigt «Langenbruck und die Alpen». «Von kaum einem anderen Kurort dürften so viele verschiedene Ansichtskarten hergestellt worden sein», sagt der Kulturwissenschafter Dominik Wunderlin, Kurator der Ausstellung. «Das Alpenmotiv war dabei das beliebteste.» Dass die Alpen auf der Karte so nahe am Dorf liegen, als befände sich dieses im Berner Oberland, war ein Detail, über das man offenbar gerne hinwegsah.
Zwischen Heublumenbad und Hausordnung
Der touristische Aufstieg begann fast zeitgleich mit der Kantonsgründung. 1836 stiess Carl Christian Friedrich Glenck bei Muttenz auf Salz. Der Fund half nicht nur den Finanzen des so jungen wie klammen Kantons, die Sole legte auch den Grundstein für den Bäderboom. Mit dem Ausbau der Bahn wurde die Region für Gäste aus ganz Europa erreichbar. Das Angebot reichte vom eleganten Thermalbad bis zum Badezuber in der Bauernstube. Gleichzeitig galt ein striktes Regelwerk. Wer im Luftkurort Abendsmatt bei Lampenberg ein Heublumen- oder Tannnadelbad geniessen wollte, hatte sich noch in den 1930ern an die «christliche Hausordnung» zu halten. Schon 1762 wurden Gäste im Bad Schauenburg ermahnt, sich «still, ehrbar und bescheiden» zu verhalten. Zum Kurleben gehörte auch die Inszenierung: Eine eigene Kurzeitung listete die Namen sämtlicher Gäste auf – eine Mischung aus Gesellschaftsspiegel und Souvenir.
Ein Klein-Paris im Ergolztal
So erfolgreich der Kur-Tourismus war, so verletzlich war er auch. 1890 kam es in Liestal aufgrund von verseuchtem Wasser aus der Oris-Quelle zu einer Typhusepidemie: 21 Menschen starben.
Die Reaktion folgte umgehend: In einem «Circular der Ärzte Liestals an ihre Herren Collegen» versicherten die lokalen Mediziner der europäischen Öffentlichkeit, dass die Wasserqualität einwandfrei war. Eine PR-Kampagne, lange bevor es den Begriff gab. Die Strategie ging auf. 1900 legte man mit einem Liestal-Reiseführer nach, der gezielt an Ärzte in ganz Europa verschickt wurde.
Auch sonst war das Selbstbewusstsein gross. Als die Liestaler vom Pariser Eiffelturm erfuhren, beschlossen sie 1900, mit einem eigenen Aussichtsturm nachzulegen. Skizzen und Modelle erklären, wie dieser entstand. Eindrücklich sind die grossformatigen Plakate aus dem frühen 20. Jahrhundert. Sie zeigen das Baselbiet als idyllische Landschaft. Ein geschickter Gegenentwurf zur industrialisierten Stadt gleich daneben.
Eine trotzige Charmeoffensive
Das goldene Zeitalter endete abrupt. «Als im Sommer 1914 der Krieg beginnt, brechen die internationalen Gäste schlagartig die Zelte ab», sagt Kurator Wunderlin. Die meisten kehren nicht zurück. Auch die Kurzeitung wird eingestellt. Die Baselbieter Bäderherrlichkeit ist Geschichte. Wohnheime, Bed and Breakfasts und christlich geprägte Hotels treten an ihre Stelle.
Ein Flyer aus den 1950er-Jahren wirkt im Rückblick beinahe trotzig: «Wenn du einen mondänen Kurort suchst mit gepflegten Promenaden, Kurorchester, Dancing und wie die Schikanen alle heissen, dann bleib uns fern», versucht sich der Verkehrsverein Baselland an einer Charmeoffensive. Die grosse Geste weicht der betonten Bodenständigkeit. Die Ausstellung blickt aber auch auf andere Formen des Tourismus in der Region: Das «Skigebiet Waldenburg», noch Mitte des 20. Jahrhunderts gross beworben, ist ebenso verschwunden wie der Winterkurort Langenbruck mit «Bobsleigh-Bahn» und «Sprunghügel» oder das Schlittelparadies Birsigtal. Ein Grund dafür ist der Klimawandel, der solche Angebote zunehmend unmöglich macht.
Geblieben ist vor allem eines: das Wandern. Es braucht weder grosse Versprechen noch internationale Gäste. Für eine Kirschblüten-Wanderung reicht es, ins Postauto zu steigen. Bald ist es wieder so weit.


