Stirbt uns der Wald weg? Erschreckende Bilanz aus dem Baselbiet

Bald könnte mehr totes Holz in den Wäldern beider Basel liegen, als in fünf Jahren geerntet wird. Die Herausforderungen für den Forst sind immens und kaum bewältigbar. Der Dürresommer 2026 hat fast alle Gewissheiten über Bord geworfen.

Der Baselbieter Wald ist in einem Zustand, für den die Förster kaum noch Worte finden. «Wir stehen vor einer ungekannten Herausforderung», sagt Thomas Tanner, Revierförster in Sissach. Die Wälder der Region verfärbten sich im Juli bereits herbstlich braun. Dass 2026 eine Zäsur für den Wald darstellen würde, prophezeiten die Experten bereits vor Monaten.

Wie gross die Schäden im Wald tatsächlich sind, zeigt nun ein interner Rapport des Amts für Wald und Wild beider Basel, welcher der bz Basel vorlag: Die Trockenheit 2026 hat den Wald stärker getroffen als das bisherige Schreckensjahr 2018. Im Grobfazit heisst es, die Schäden seien «deutlich stärker und flächiger»; betroffen seien nicht nur Buchen, sondern verschiedene Baumarten, Waldstandorte sowie jüngere und auch frisch gepflanzte Bäume. Zudem sei mit einem «hohen Mass» an Sicherheitsfällung zu rechnen, schreibt die bz.

Selbst die Experten sind überrascht

Der Bericht zeigt konkret: Rund 16 Prozent der Bäume weisen Absterbe-Erscheinungen auf – also rund jeder sechste Baum ist am Absterben. Weitere 27 Prozent sind von vorzeitigem Laubabfall betroffen und bei 29 Prozent der Waldflächen sind schon im Sommer Blattverfärbungen registriert worden. Nur etwas mehr als ein Viertel des Waldes weist keine Schäden auf. Die Bilanz setzt sich aus noch nicht verifizierten Satellitenbildern und Rückmeldungen der Forstreviere von Mitte August zusammen.

Bei der Schadensbilanz handle es sich jedoch um eine Momentaufnahme, heisst es im Rapport. Die durch den Satelliten als «verbraunte Flächen» ausgewiesenen Waldstücke seien jedoch noch nicht «tot», wird im Bericht betont. Trotz dieser Vorbehalte ist das Bild alarmierend.

Nach Baumarten aufgeschlüsselt, bestätigt sich die Annahme, dass vor allem die Buche – der am häufigsten vorkommende Baum in der Region Basel – stark vom Dürresommer getroffen wurde. In allen Beständen sind die Schäden enorm und «grossflächig». Doch auch bei allen anderen Baumarten sind die Schäden teilweise gross. Auch bei Arten wie der Esche, Eiche, Ahorn oder der Tanne. «Das hat alle Forstleute und selbst die Experten überrascht», sagt Tanner. Bisher sei man davon ausgegangen, dass Arten wie die Eiche oder Tanne tolerant gegenüber Hitze und Trockenheit seien.

Für die Buchen gibt es keine Hoffnung

Besonders heikel ist die Situation auch, weil nicht nur ältere exponierte Bäume Schäden aufweisen, sondern auch junge sogenannte unterständige Bäume, die im Schatten der Baumriesen wachsen. Auf der deutlichen Mehrheit der Pflanzflächen sei ein erhöhter Ausfall bei den Jungbäumen feststellbar, meldeten die Reviere. Der Dürresommer war so heftig, dass selbst die Anpassung an ihn, der Aufbau des Zukunftswaldes, gestört wurde. «Wir müssen viele Jungbäume erneut pflanzen. Das ist schon frustrierend», sagt Tanner.

Noch könne kaum zuverlässig gesagt werden, wie viele geschädigte Bäume tatsächlich absterben werden. Tanner sagt, dass sich anders als die Buchen Arten wie die Eiche von den Trockenheitsschäden erholen könnten. Für die Buche, den Baselbieter Brotbaum, sieht es jedoch düster aus. «Die Erfahrungen von 2018 zeigen, dass viele geschädigte Buchen sich nicht mehr erholen werden», so Tanner.

Die Revierförster berichten durchs Band von denselben Phänomenen. «Fast alle Buchen, die wir gefällt haben, sind komplett dürr», sagt Christian Kleiber, der den Hardwald in Muttenz für die Bürgergemeinde Basel betreut. Mit seinem Team habe er so schnell es ging mit den Fällungen begonnen, solange die Stämme noch stabil sind. Aus sicherheitstechnischen Gründen sind die Fällungen nötig, sagt Kleiber und will damit auch Kritik aus der Bevölkerung vorwegnehmen.

Die Menge an Holz auf den vom Absterben bedrohten Flächen ist immens. Erste Schätzungen des Amts für Wald und Wild gehen von 800000 Kubikmetern Holz aus. Das entspricht etwa der gesamten Holzernte der Region von fünf Jahren. Die wirtschaftlichen Schäden werden sich laut Tanner jedoch erst mittelfristig zeigen. «Zuerst steigt der Ertrag durch die Zwangsnutzungen», sagt der Revierförster. Doch der Markt könne diese Mengen kaum aufnehmen und der Holzpreis dürfte daraufhin einbrechen.

Hohe psychische Belastung bei Forstarbeitern

Abgesehen davon, dass die Sicherheitsfällungen aufwendig und deshalb teuer sind, sind sie laut Tanner wegen der ständigen Gefahr von Astabbrüchen auch gefährlich. Der Rapport zeigt, dass zwar eine Mehrheit der Forstleute die Herausforderungen als bewältigbar einschätzt, aber unter starken psychischen Belastungen leidet. «Wir bekommen praktisch jeden Tag Meldungen, dass wir Waldstrassen freiräumen müssen», sagt der Sissacher Revierförster.

Dass der Wald zur Sicherheitsfrage wird, zeigen die Rückmeldungen der Forstbetriebe. In fast allen Revieren nahm die Zahl der Grünastabbrüche zu; in etwas mehr als der Hälfte der Reviere stürzten mehr grüne Bäume um.

Im Rapport ist ausserdem die Rede von Sperrungen und offenen Zuständigkeiten. Mehr als 80 Prozent der befragten Forstleute beurteilen die bestehenden Konzepte als lückenhaft oder unzureichend. Nur ein Drittel findet, die Rollen würden weitestgehend ausreichend wahrgenommen. Defizite sehen die Befragten vor allem bei Einwohnergemeinden, Wald- und Werkeigentümern sowie den Verbänden. Der Kanton hielt in einem Schreiben die Forstreviere an, mit den Bürger- und Einwohnergemeinden sowie den privaten Waldbesitzern vertraglich zu vereinbaren, wie die vielen Sicherheitsfällungen zu organisieren seien. Eine lückenlose Dokumentation sei auch wegen Haftungsfragen relevant. Das Amt schreibt, dass es für die «anspruchsvolle» Herausforderung «keine Patentlösungen» gebe.

«Ein Grossteil bleibt wohl einfach liegen»

Die Waldschäden im Jurabogen sind so immens, dass die Forstbetriebe stark priorisieren müssen. Neben Sicherheitsfällungen, an den von der Bevölkerung stark frequentierten Waldwegen und Aufenthaltsorten gehe es darum, die noch nicht abgestorbenen Bäume zu fällen, deren Holz noch nutzbar ist, sagt Tanner. Und was passiert mit den riesigen Mengen an toten Bäumen? «Ein Grossteil bleibt wohl einfach liegen. Wir haben schlichtweg nicht die Kapazitäten und den Absatz, um den gesamten Wald aufzuräumen.»

Der Waldumbau in der Region erhält nach einer Häufung von trockenen Jahren seit 2018 mit dem extremen Dürresommer 2026 einen massiven Schub. Die Wettersituation im kommenden Frühling dürfte entscheidend werden, ob sich die Schadensbilanz noch ausweitet, sagt Tanner. Das Amt kündigt im Frühjahr eine nächste Schadensmeldung an. Momentan beschäftigen sich beim Kanton rund 16 Vollzeitstellen in der Taskforce Trockenheit. Die Aufräumarbeiten der Folgen des Dürresommers haben im Wald gerade erst begonnen und werden noch lange andauern.

«Die Erfahrungen von 2018 zeigen, dass viele geschädigte Buchen sich nicht mehr erholen werden.»

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