Rätsel um die berühmte Bibermama

Berühmt wurde die Biberin Justine, als sie 2013 im Basler Zolli aufkreuzte. Während eines Jahrzehnts zog sie daraufhin eine Grossfamilie in der Reinacher Heide auf. Zwei Zeitzeugen rekonstruieren ihr Leben.

Fast ein Jahr her: Toni Dürrenberger fing Justine am 1. Mai 2025 ein letztes Mal mit seiner Kamera ein. Foto: Toni DÜrrenberger

Fast ein Jahr her: Toni Dürrenberger fing Justine am 1. Mai 2025 ein letztes Mal mit seiner Kamera ein. Foto: Toni DÜrrenberger

Biberspuren: Ranger Yannick Bucher zeigt einen angenagten Baum. Foto: Juri Junkov

Biberspuren: Ranger Yannick Bucher zeigt einen angenagten Baum. Foto: Juri Junkov

Toni Dürrenberger mag fast nicht darüber sprechen. Also redet er vorsichtig dahin. Als ob seine eigenen Worte die letzte Hoffnung rauben könnten, dass sie doch noch da ist. Immerhin sei ihr Revier doch rund zweieinhalb Kilometer gross, sagt er. Da sei es gut möglich, dass sie ihren Lebensmittelpunkt an einen anderen Ort verlagert habe. Und ohnehin habe er 2025 kaum Zeit gefunden, an die Birs zu gehen. In den letzten Monaten sei er oft mit seinem zweiten Projekt, der Storchenbetreuung, beschäftigt gewesen, erklärt der Wildtierliebhaber und Hobbyfotograf fast entschuldigend.

Aber wenn Toni Dürrenberger spricht, klingt es ein wenig so, als habe er sich anderweitig beschäftigt, um nicht feststellen zu müssen, dass Justine vielleicht tatsächlich nicht mehr am Leben ist. «Im April 2025 habe ich sie mit meinen Enkelinnen ein paar Tage hintereinander fast jeden Abend gesehen», erzählt er. «Danach ist sie verschwunden.» Der Pensionär aus Reinach hat die Bibermama über ein Jahrzehnt begleitet.

«Mein Sohn sagte mir, ich mache tolle Bilder, aber mit meiner Kamera seien diese nutzlos», erzählt Dürrenberger. Kaum war er 2013 in Rente gegangen, schuf er sich einen hochwertigeren Fotoapparat an. Mit seiner Frau Irène habe er sich an die Birs begeben, um die neue Kamera zu testen und Wildtiere einzufangen. «Wir wurden von Leuten angesprochen, ob wir auf der Suche nach der Biberin Justine seien», erinnert sich Dürrenberger. Er lächelte und erwiderte, an der Birs gebe es doch längst keine Biber mehr.

Das Versteckspiel mit den Zolli-Angestellten

Der heute 77‑Jährige forschte nach und entdeckte in Zeitungsberichten die Geschichte von Justine. Die Biberin war berühmt geworden, als sie in einer Aprilnacht 2013 vor dem Basler Zolli aufgetaucht war. Der Nachtwächter glaubte, es handle sich um ein ausgebüxtes Tier, und öffnete das Tor. Das baumfällende Nagetier versuchte daraufhin, sein Revier einzurichten, was den Zolli jedoch vor Probleme gestellt hätte. Erst einige Tage, nachdem die Biberin eingedrungen war, konnten Zolli-Angestellte das Tier einfangen.

Die Zolli-Verantwortlichen machten sich einen Spass daraus, es auf den Namen Justin zu taufen, angelehnt an den kanadischen Popstar Justin Bieber. Erst eine Untersuchung des Tierarztes ergab, dass es sich um ein Weibchen handelt. Aus Justin wurde Justine. Um sie vor Biber-Touristen zu schützen, wurde sie wenig später an einem geheimen Ort ausgesetzt. Justine blieb nur für kurze Zeit unerkannt. Ein Jahr, nachdem sie Berühmtheit erlangt hatte, vermeldete der Kanton, dass erstmals seit 200 Jahren eine Biberfamilie an der Birs Nachwuchs erhalten hatte. Die Mama: Justine. Das ausgerottete Tier war zurück. Toni Dürrenberger stiess im Mai 2014 an einem Nachmittag zufällig auf die Bibermama. Eine Begegnung, die ihn nicht mehr loslassen sollte.

Wie die Biberfamilie zerbrach

Fast täglich stand er noch in der Dunkelheit auf, um an der Birs zu beobachten, wie Justine in ihrem Revier eine Grossfamilie grosszog. Bis zu drei Jungtiere zog das Biberpaar in der Reinacher Heide gleichzeitig heran. «Ich rieche schon wie ein Biber», sagte Dürrenberger, als er vor vielen Jahren dem Fachmagazin «Tierwelt» über seine Biber-Beobachtungen berichtete. An Justines Fressplatz kam er dem Nagetier nahe. Dürrenberger erinnert sich besonders gern an einen Morgen, als er mit ihr zu sprechen begann. « ‹Komm doch zurück›, sagte ich ihr.» Die Biberin setzte sich vier Meter neben dem Hobbyfotografen hin und beschnupperte ihn. «Sie hat mich akzeptiert – eine Freundschaft ist entstanden.»

Biber haben in der freien Wildbahn eine Lebenserwartung von 12 bis 18 Jahren, wie Dürrenberger weiss. In der Reinacher Heide machte sich dies ab 2022 bemerkbar, als Justines Partner verstarb. Ob er im damaligen Hochwasser umkam oder rund 15‑jährig altershalber eines natürlichen Todes starb, sei unklar, sagt der Biber-Kenner. Die letzten gemeinsamen Jungen zog Justine allein heran. Dürrenberger fotografierte Justine mit einer Wildkamera im Mai 2024 letztmals mit einem Jungtier. Danach nahmen die Fressspuren an der Birs deutlich ab.

Auch der Ranger rätselt über Justines Verbleib

Das neue Jahr ist noch so frisch wie das Schäumchen Schnee, das die Reinacher Heide eingezuckert hat. Yannick Bucher kauert vor einer Weide, die am Birsufer liegt, und zeigt auf die eindrücklichen Nagespuren am Sockel des Baumes, während das Rauschen des Feierabendverkehrs von der A18 herüberdringt. Seit nunmehr 13 Jahren begleitet er die Biber der Reinacher Heide als Ranger.

Auch er rätselt derzeit über die Frage, ob Justine noch am Leben ist. Er sichtete Justine vor über einem Jahr zum letzten Mal. Seit vergangenem November seien jedoch wieder viel mehr Biberspuren zu sehen, berichtet Bucher. Bestes Beispiel ist der dicke Weidenstamm, der vor ihm liegt, umgeben von dicken Hobelspänen, die ein Biber mit seinen Zähnen abgenagt hat. Denkbar wäre, dass die berühmte Biberin einen neuen Partner gefunden hat und wieder eine Familie heranzieht. «Ich gehe aber eher davon aus, dass das Revier neu besetzt ist», sagt der Ranger, der unter anderem auch für das Naturschutzgebiet Talweiher im Oberbaselbiet zuständig ist.

Klar ist, dass Justine das Revier nach dem Ableben ihres Partners gehalten hatte. Der Nachwuchs muss nach zwei Jahren flussaufwärts oder -abwärts weiterziehen und ein eigenes Revier suchen. Die Population reguliere sich somit selbst, erklärt Bucher. Am Geruch erkennen die Nagetiere, wer der gleichen Familie angehört – dadurch wird Inzest vermieden. «Sie verteidigen ihr Revier auch bitterböse mit ihren Zähnen», sagt Bucher.

Das einst ausgerottete Tier breitete sich in den letzten Jahrzehnten vom Rhein wieder an die Birs und Ergolz und von dort auf weitere Seitengewässer wie die Frenke aus. Vor zwei Jahren zeigte das nationale Bibermonitoring, dass im Baselbiet – im Gegensatz zum Mittelland – noch freie Gewässerräume für Biber vorhanden sind.

Das Nagetier gilt auch als Landschaftsgestalter und Biodiversitätsmotor. Schon ein Rinnsal genügt ihm. In Marthalen im Kanton Zürich setzte eine Biberfamilie einen Nutzwald komplett unter Wasser. Die Bäume starben weg, aber ein lebendiges Feuchtgebiet entstand, das heute als Naturreservat deklariert ist.

Neuer Nachwuchs im Frühling wahrscheinlich

«In der Reinacher Heide haben wir bloss ein paar alte, grosse Bäume geschützt. Sonst kann der Biber schalten und walten, wie er will», sagt Yannick Bucher. Mit der Dämmerung drückt die klirrende Kälte bis auf die Knochen. Bucher zeigt zu zwei unscheinbaren Löchern am anderen Ufer. Nichts regt sich an den beiden Zugängen zu den Bauten. Als Justines Grossfamilie ihre aktivste Zeit hatte, habe man bei jedem zweiten oder dritten Abendspaziergang beim Heidebrüggli Biber sichten können, sagt Bucher. «Wer sich hier behaupten muss, ist nicht menschenscheu.»

Die neuesten Nagespuren lassen hoffen, dass es im Frühling wieder neuen Biber-Nachwuchs in der Reinacher Heide gibt. Ob Justine deren Mutter sein wird oder sich ein neues Biberpaar angesiedelt hat, dürfte sich spätestens dann zeigen. Toni Dürrenberger hofft bei jedem Gang an die Birs, seine Lieblingsbiberin wiederzufinden. Er beobachtet dabei jedes Detail und sagt: «Den Bissspuren nach hoffe ich, dass Justine noch da ist.»

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