Primeo: Papierrechnungen kosten nun

Mit sanftem Druck möchte der Baselbieter Energielieferant seine Kunden dazu bringen, Rechnungen nur noch elektronisch zu erhalten. Verlierer sind Senioren und Menschen ohne Internet.

Remo Sigrist regt sich in einem Leserbrief in der bz Basel über Primeo Energie auf. Der Energiedienstleister, der 180 000 Haushalte in der Schweiz und Frankreich mit Strom, Gas und Wärme beliefert, hat eine neue Gebühr eingeführt. Wer sich weiterhin die Rechnungen auf Papier nach Hause schicken lassen will, muss 90 Rappen zahlen – pro Brief.

Sigrist findet in seinem Leserbrief: «Als Unternehmen der Grundversorgung sollten essenzielle Versorgungsleistungen wie Strom und Wärme nicht durch zusätzliche Gebühren für grundlegende Serviceleistungen belastet werden.» Hintergrund ist, dass Privatkunden keine Wahl haben: Sie müssen Energie vom einzigen Dienstleister abkaufen, der ihre Gemeinde beliefert – auch wenn sie ihre Rechnung nicht online erhalten können oder wollen.

Die 90 Rappen decken «Material und Versand»

Primeo hält dem auf Anfrage entgegen: «Primeo Energie und alle anderen Grundversorger sind verpflichtet, effizient zu wirtschaften, Kosten sorgfältig abzuwägen und sinnvoll zu investieren.» Papier, Druck und Versand würden Kosten verursachen und Ressourcen verbrauchen. Gleichzeitig seien digitale Prozesse schneller, oft einfacher, kostengünstiger und nachhaltiger. Die Anzahl der jährlich versandten Briefe und die dadurch entstehenden Kosten kann das Unternehmen nicht nennen. Die 90 Rappen decken aber nur Material und Versand, nicht den administrativen Aufwand. «Primeo Energie erwirtschaftet dadurch keinen Zusatzgewinn», hält das Unternehmen fest.

Derzeit erhält rund ein Drittel der Primeo-Kunden die Rechnungen elektronisch. Es ist das erklärte Ziel des Unternehmens, diese Zahl zu steigern, unter anderem mit der neuen Gebühr: «Wir erhoffen uns, den Anteil an digitalen Rechnungen mittelfristig auf mindestens 50 Prozent zu erhöhen.» Aus vergleichbaren Erfahrungen in der Branche wisse man, dass ein solcher oder höherer Anteil erreichbar sei.

Sigrist schreibt hingegen: «Für viele Menschen – insbesondere ältere Personen, weniger digitalaffine Personen oder solche, die ihre Finanzen bewusst in Papierform verwalten – stellt die Papierrechnung sehr wohl einen Mehrwert dar.» Für viele sei ein Brief «die einfachste, sicherste und nachvollziehbarste sowie alltauglichste Form der Abrechnung».

Andere Energiedienstleister ziehen vielleicht bald nach

Gemäss Bundesamt für Statistik und Pro Senectute leben 5 bis 8 Prozent der Schweizer Bevölkerung fast oder ganz offline. Bei den über 85-Jährigen steigt dieser Wert auf über 50 Prozent. Digitale Kompetenzen haben weniger mit dem Alter als mit dem Bildungsniveau zu tun. Rund ein Viertel der Menschen in der Schweiz hat Mühe, zum Beispiel finanzielle Dinge online zu regeln.

Der sanfte Druck in Form von Gebühren scheint sich bei Primeo jedenfalls auszuzahlen. Die Massnahme wird erst ab 1. Juli umgesetzt. Kritik daran habe der Kundendienst bisher kaum erhalten, schreibt das Unternehmen. «Wir sehen die Reaktion vor allem in der Form, dass seit der Ankündigung deutlich mehr Kundinnen und Kunden auf digitale Rechnungsformen umstellen.»

Die anderen grossen Energiedienstleister der Region, EBL und IWB, verlangen nichts für Rechnungen per Post – vorläufig zumindest. EBL will bis 2027 Papierbriefe weiterhin kostenlos versenden, heisst es auf Anfrage. «Wir behalten uns jedoch vor, dies künftig zu ändern, da bereits kostenlose Alternativen wie E-Bill und E-Mail zur Verfügung stehen.» Die rund 280 000 Briefe, die EBL jährlich an zwei Drittel der Kunden verschickt, verursachen Kosten von rund 225 000 Franken.

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