Offener Drogenkonsum in Reinach: Das Unbehagen in der Bevölkerung wächst
An der Hauptstrasse in Reinach, auf dem Platz vor der BLKB-Filiale, konsumieren Menschen offen Drogen. Die Situation ist den Behörden bekannt.

Die erhöhten Steinmauern auf dem Platz vor der BLKB-Filiale in Reinach laden zum Verweilen ein, gerade jetzt, da das Wetter wieder wärmer wird. Sie werden gerne für kurze Verschnaufpausen zwischen den Einkäuen in den umliegenden Ladenlokalen genutzt. Doch beim Kreisel bei der Hauptstrasse/Austrasse am Angensteinerplatz treffen sich seit einiger Zeit Menschen, die dort offen Drogen konsumieren. Bereits am Nachmittag sitzen sie in kleinen Gruppen und konsumieren etwa Kokain oder andere Substanzen.
Einige Reinacherinnen und Reinacher berichten von Unbehagen, wenn sie an diesem Ort vorbeispazieren – oder machen sich Sorgen um ihre Kinder, die auf dem Schulweg dort vorbeigehen müssen. Der Polizei sei der erwähnte Bereich in Reinach nicht unbekannt, schreibt Mischa Sigrist, Mediensprecher und Präventionsberater der Polizei Baselland, auf Nachfrage des Wochenblattes. Meldungen aus der Bevölkerung lägen vor und seien wichtig, «da sie helfen, Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und unsere Einsatzplanung entsprechend anzupassen». Grundsätzlich empfehle es sich, Kinder darauf hinzuweisen, dass sie keine Gegenstände vom Boden aufnehmen und unbekannte Personen oder Situationen meiden sollen», schreibt Sigrist weiter. Die Polizei führe im öffentlichen Raum regelmässig Kontrollen durch.
Neu sei jedoch, «dass nun scheinbar auch offen Drogen konsumiert werden», meint Tobias Fässler, Leiter der Polizei Reinach, und verweist auf das Ambulatorium Reinach der Psychiatrie Baselland (PBL), das schräg gegenüber an der Baselstrasse 1 liegt. Dieses vergibt in Reinach Drogensubstitute und ist eine von zwei Substitutabgabestellen der PBL im Kanton – das zweite Ambulatorium befindet sich in Liestal. Weil sich das Reinacher Ambulatorium direkt gegenüber dem Ort des Drogenkonsums befindet, läge ein Zusammenhang mit der Abgabestelle nahe.
Die Psychiatrie Baselland gibt zur Situation in Reinach indes keine Auskunft: Auf Anfrage erklärt Matthias Jäger, Direktor der Erwachsenenpsychiatrie Baselland, die PBL kommentiere keine «konkreten Orte oder Situationen im Detail». Die PBL unterstehe als medizinische Einrichtung der Schweigepflicht. «Wir verstehen, dass offener Substanzkonsum verunsichern kann», so Jäger. Drogenkonsum im öffentlichen Raum sei jedoch ein gesamtgesellschaftliches Problem und werde nicht durch ein spezialisiertes Ambulatorium geschaffen. «Unser Auftrag ist die medizinische und therapeutische Behandlung von Menschen mit Abhängigkeitserkrankungen. Dazu gehört auch, gemeinsam mit den Betroffenen Strategien zu entwickeln, die ihre Gesundheit schützen und Risiken – sowohl für sie selbst als auch für ihr Umfeld – reduzieren. Fragen des öffentlichen Raums fallen jedoch primär in den Zuständigkeitsbereich von Behörden», so Jäger weiter.
«Man müsste wohl eine kantonale Lösung finden»
Eine Reinacher Institution, die unter anderem Suchtkranke betreut, sind die Pädagogischen Wohngruppen Reinach (PWG). Seit 25 Jahren bieten sie einen geschützten Wohn-, Arbeits- und Lebensraum für Menschen mit einer Suchterkrankung an, im vergangenen Jahr schlossen sich die PWG der Basler Stiftung Sucht an. Ihr Geschäftsleiter, Niggi Rechsteiner, glaubt nicht, dass es sich bei den Drogenkonsumierenden an der Hauptstrasse um Klienten der PWG handelt: «Unsere Bewohnenden sind tagsüber betreut. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sie sich dort aufhalten.»
Auch Safak Bektas, pädagogisch-therapeutische Leiterin der PWG, kennt das Problem und sagt: «Ich habe selbst in Reinach gewohnt und bin oft an diesem Platz vorbeigegangen – auch mit meiner Tochter. Die Menschen, die dort sitzen, tun einem in der Regel nichts.» Gleichwohl müsse man die Sorgen der Bevölkerung ernst nehmen. Es wäre sinnvoll, einen geeigneten Ort für Menschen, die Suchtmittel konsumieren, zu schaffen, findet Bektas. «Dort könnten auch Fachpersonen zugegen sein.» Das Problem in Reinach müsse man jedoch in einem grösseren Rahmen betrachten: «Viele Menschen aus umliegenden Gemeinden kommen für die Abgabe der Substitute nach Reinach. Man müsste wohl eine kantonale Lösung finden», so Bektas.
Platz wird sich verändern
Für Drogenkonsumierende einen besonderen Ort schaffen will Reinach nicht. Gemeindepräsident Ferdinand Pulver (FDP) sagt auf Anfrage: «Die Menschen gehören zu unserer Gesellschaft, sie dürfen sich im öffentlichen Raum aufhalten, wo sie wollen: Bahnhöfe, Parks, Plätze. Das ist nicht verboten. Woanders hinschicken können sie die Behörden nicht, dafür fehlt die gesetzliche Grundlage. Sie haben sich aber, wie alle anderen, an die gesetzlichen Vorgaben zu halten und sich anständig zu verhalten.»
Vorerst bleibt also alles wie bis anhin. Allerdings wird sich der Angensteinerplatz baulich verändern: Er soll zu einem kleinen Park umgestaltet werden, das bestehende Hochhaus aus den 70er-Jahren soll ersetzt werden. An seiner Stelle soll ein Hochhaus mit 54 Metern sowie ein zweites Gebäude entstehen, so sieht es der bewilligte Quartierplan vor. Geplant sind gemäss Quartierplan insgesamt 80 Mietwohnungen.
«Die Menschen gehören zu unserer Gesellschaft, sie dürfen sich im öffentlichen Raum aufhalten, wo sie wollen.»


