Eingeschränkt im Ersatzverkehr

Die Erneuerung der Tramlinie soll mehr Zugänglichkeit bringen. Während der Bauzeit erleben Menschen im Rollstuhl aber das Gegenteil.

Auf Hilfe angewiesen: Ohne Rampe kann Marc Eglin nicht in den Bus einsteigen. Foto: Kenneth Nars
Auf Hilfe angewiesen: Ohne Rampe kann Marc Eglin nicht in den Bus einsteigen. Foto: Kenneth Nars

Quer durch die Agglo zieht sich die Baustelle der 11er-Tramlinie. Gleise wurden ausgerissen und hohe Geröllhaufen liegen neben tiefen Mulden. Der Grund dafür ist – nebst der Erneuerung der Infrastruktur – die Anpassung der Tramhaltestellen an das Behindertengleichstellungsgesetz. «Ironischerweise sind die provisorischen Bushaltestellen im Vergleich zu vorher eine Verschlechterung», sagt Rollstuhlfahrer Marc Eglin. Auf der Reise im Ersatzbus zeigt er, wo die Provisorien an ihre Grenzen stossen.

Bei der Bushaltestelle Gartenstadt in Münchenstein fällt auf, dass die Station nicht erhöht ist. Ein waagerechter Einstieg ist für Eglin hier nicht möglich. Zusätzlich hält der Chauffeur zu früh an. Die Tür öffnet sich genau vor einer Einfahrt. Die wenigen Zentimeter, die das Trottoir der Rampe entgegengekommen wäre, gehen nun auch verloren. Der Chauffeur kommt und klappt die Rampe aus. Eglin fährt langsam aus dem Bus.

Die Baustelle denkt nicht an Rollstühle

Aufgrund der starken Neigung beginnt Eglin nach vorne zu kippen. Er reagiert blitzschnell. Ein Knopfdruck und der Rollstuhl neigt sich langsam nach hinten. Einige Sekunden hängt Eglin in der Luft, kippt zwar nicht nach vorne, neigt sich aber auch nicht nach hinten. Der Busfahrer schaut käsebleich zu. Dann die Erlösung: Eglin fällt in die Rückenlehne und kann souverän die Rampe hinunterrollen. Ausgestiegen, Türen geschlossen, der Bus fährt los und Eglin sagt: «Das hätte nicht jeder geschafft.» Der Fahrstil des 65‑Jährigen zeugt von viel Übung. Seit 15 Jahren sitzt er im selben Rollstuhl, die tägliche Routine schafft Sicherheit. Er sagt: «Je nachdem, wie eingeschränkt eine Person ist, wäre sie wohl jetzt aus dem Rollstuhl gefallen.»

Eine Erhöhung an der Haltestelle ist für Mobilitätseingeschränkte unabdingbar. «Diese Situation beschreibt die Schwierigkeiten ziemlich gut», sagt Marc Eglin. Denn obwohl alle Busse über Rampen verfügen, sind diese dafür gedacht, den Spalt zwischen Bordsteinkante und Bus zu überbrücken und nicht primär um einen Höhenunterschied auszugleichen.

Doch nicht nur der Ein- und Ausstieg ist für den Rollstuhlfahrer ungemütlich. Beim Überqueren der Strasse, um von der Bushaltestelle zum Einkaufszentrum zu kommen, passiert er drei provisorische Lichtsignale. Zwei davon sind für Eglin nicht erreichbar. Und auch die zur Überwindung von Baugruben aufgestellten Laufstege sind Hindernisse. Was für Fussgängerinnen und Fussgänger nach einer minimalen Hebung aussieht, bringt den Rollstuhlfahrer ins Wanken. «Man hätte die Rampen ausläufiger machen müssen und damit auch den Anstieg weniger steil.»

«Es wirkt einfach alles improvisiert»

Nicht nur die Gartenstadt weist Tücken auf. Auch die Station Herrenweg in Aesch ist für Eglin nicht optimal. Der nun vom Busverkehr in Beschlag genommene Bahnsteig ist mit einer Holzabsperrung von den Gleisen getrennt. Klappt der Busfahrer einmal die Rampe aus, wird schnell klar, dass die Station eigentlich zu schmal ist. Mit einer scharfen Linkskurve schafft es Eglin, von der Rampe zu rollen, ohne das Geländer zu streifen. Kein Haar passt zwischen Geländer und Rad.

Schon 1996 machte sich Eglin für Gleichstellung im öffentlichen Verkehr stark. «Das war noch lange, bevor das Behindertengleichstellungsgesetz verabschiedet wurde», erinnert sich der Pensionär. Zusammen mit anderen Mobilitätseingeschränkten zog er protestierend durch Basel. «Da wurden wir von Tramfahrern angespuckt. Die schrien: ‹Ihr müsst kein Tram fahren, ihr habt doch das Behindertentaxi.› »

Heute, 30 Jahre später, ist die Situation eine andere. Das Bewusstsein dafür, dass der öffentliche Verkehr tatsächlich für alle Teile der Bevölkerung zur Verfügung steht, ist gewachsen. Mit den «Tango»- und «Tina»-Trams der Baselland Transport AG (BLT) ist der Pensionär sehr zufrieden.

Umso grösser ist die Enttäuschung über die provisorischen Haltestellen. «Es wirkt einfach alles improvisiert», sagt Marc Eglin. Sollte sich die Situation nicht verbessern, wird er sich wohl selbst bei der BLT melden.

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