Ein früh abgebrochenes Leben
Zum 100. Geburtstag von Jurist und Schriftsteller Peter Noll (1926–1982) aus Arlesheim.

Peter Noll hat seinen Tod kommen sehen. Der zu seinen Lebzeiten sehr bekannte Jurist hatte sich entschieden, einen diagnostizierten Blasenkrebs nicht zu behandeln. Erlebnisse und Eindrücke seiner verbleibenden rund dreiviertel Lebensjahre hielt er als «Diktate über Sterben und Tod» fest. Der Titel nimmt Bezug auf die Machart: Seine Sekretärin tippte seine auf Band gesprochenen Aussagen wortgetreu ab.
Anfänglich sah er seine Situation verhalten positiv: «Ich habe eine relativ kurze, überblickbare Zeitspanne, in der ich nochmals ein neues, freieres Leben beginnen kann. Ich werde mich – nach dem Freisemester im Sommer – pensionieren lassen und dann noch alles tun, was ich immer aufgeschoben habe», denkt er zu Beginn. Vieles, was er sich vorgenommen hatte, konnte er nicht mehr umsetzen, zu rasch nahm der Krebs überhand.
Nach seinem Hinschied am 9. Oktober 1982 in Zürich wurden die «Diktate» in Buchform veröffentlicht und innert kurzer Zeit breit diskutiert. Das heute vergriffene Werk wurde auch bald in mehrere Sprachen übersetzt. Noll hatte sich in seinen Gedanken mit dem eigenen Sterben auseinandergesetzt wie noch kein anderer Schweizer Schriftsteller vor ihm. Persönlich, direkt und schonungslos ehrlich schilderte er, unterbrochen von philosophischen und juristischen Überlegungen, seinen fortschreitenden körperlichen Verfall.
Jugend im reformierten Pfarrhaus in Arlesheim
Geboren wurde Peter Noll am 18. Mai 1926 in Basel und verbrachte seine ersten Lebensjahre in Stein am Rhein, ehe der Vater zum reformierten Pfarrer in Arlesheim gewählt wurde. Zusammen mit sechs Geschwistern verbrachte er hier seine Jugend, bevor er nach Gymnasium und Jurastudium in Basel eine Stelle am Kantonsgericht in Liestal antrat. Das Strafrecht wurde zu seiner Domäne: Nach Promotion und Habilitation wurde Noll 1960 Professor in Mainz, und 1969 erhielt er den Ruf an die Universität Zürich, wo er bis zu seinem Tod den Lehrstuhl für Strafrecht, Strafprozessrecht und Gesetzgebungslehre innehatte. 1962 heiratete er Almuth Onken aus Deutschland, zwei Töchter kamen zur Welt. Noll mischte sich in die öffentlichen Debatten der 1970er-Jahre ein oder lancierte diese selbst. Sein Buch über die Landesverräter, die während des Zweiten Weltkriegs hingerichtet wurden, beleuchtete erstmals dieses verdrängte Kapitel jüngerer Schweizer Geschichte und machte ihn schweizweit bekannt. Seine juristischen Fachpublikationen zur Gesetzgebungslehre oder zum Strafprozessrecht setzten neue Massstäbe. Bei Noll ging eine ganze Generation von späteren Starjuristen in die Vorlesungen. So gehörten unter anderem der Starstrafverteidiger Lorenz Erni und Martin Kilias, der ebenfalls Strafrechtsprofessor wurde, zu seinen Studenten.
In Arlesheim erinnert heute nichts an Peter Noll
Aus Nolls Nachlass wurden verschiedene Bücher publiziert, etwa die «Gedanken über Unruhe und Ordnung» (1988) oder «Vom übermässigem Gebrauch der Wahrheit» (1991). Am bekanntesten ist wohl der zusammen mit Hans Rudolf Bachmann herausgegebene Band «Der kleine Machiavelli. Handbuch der Macht zum alltäglichen Gebrauch», worin humorvoll die frühneuzeitlichen «Lehren» Machiavellis in die Wirtschaftswelt der 1980er-Jahre übertragen wurden. Frühere Werke, wie das Theaterstück «Jericho», sind heute vollkommen vergessen. Sein Nachlass wird im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern aufbewahrt. Am selben Ort lagern auch die Papiere von Max Frisch, einem Freund und geschätzten Gesprächspartner.
In Arlesheim erinnert heute nichts an Peter Noll, es gibt keine nach ihm benannte Strasse, kein Denkmal, kein Hinweisschild. Noch vorhanden ist das reformierte Pfarrhaus, das die Familie Noll bewohnte. Sein Grab in Zürich ist mittlerweile auch aufgehoben worden. In den «Diktaten» geht Noll auf den Umstand ein, wie es ist, die eigene Endlichkeit so konkret zu haben: «Es ist wirklich eine Chance, den Tod auf sich zukommen zu sehen. Erstens muss man keine Rücksichten mehr nehmen; mehr als das Leben kann dir niemand nehmen. Zweitens kann man alles vorbereiten und abschliessen. Der Tod tritt weder als scharfe Zäsur mitten ins Leben, noch kommt er auf seinen bösen leisen Sohlen, indem er dir Stück für Stück das Leben wegnimmt und dich schliesslich ins Nichts stösst, nachdem du schon ein Nichts geworden bist.»
Hundert Jahre nach seiner Geburt ist der Name Peter Noll im öffentlichen Bewusstsein, vornehmlich der älteren Generation, noch vorhanden. Möge sein runder Geburtstag Anlass sein, sich wieder mit ihm und seinem vielseitigen Werk zu beschäftigen, das auch heute noch lesenswert ist.
* Lorenz Degen (40) ist Historiker MA, wohnhaft in Arlesheim. Er ist erstmals vor rund 20 Jahren in der Biografie über Niklaus Meienberg (geschrieben von Marianne Fehr) auf Peter Noll gestossen und hat dessen Bücher gelesen. Im Hinblick auf den 100. Geburtstag hat er beschlossen, eine Gedenkveranstaltung zu organisieren.


