Der Pianist in den Trümmern

Volle Ränge im Setzwerk: Der Kammermusikverein lud zu einem Klavierkonzert des Pianisten Aeham Ahmad ein. Begleitet wurde das Konzert von einer Lesung der Autobiografie des palästinensischen Klavierspielers.

Music for Hope: Aeham Ahmad trat am Wochenende im Setzwerk in Arlesheim auf.Foto:  Ulrich Baumgarten/Süddeutsche Zeitung Photo / keystone SDA
Music for Hope: Aeham Ahmad trat am Wochenende im Setzwerk in Arlesheim auf.Foto: Ulrich Baumgarten/Süddeutsche Zeitung Photo / keystone SDA

Berühmt wurde er durch Videos auf Youtube. In den Videos ist er, der Musiklehrer Aeham Ahmad, zu sehen, wie er mit einem Klavier durch die zerbombten Strassen von Jarmuk zieht und mit den Kindern musiziert. Jarmuk ist ein Viertel in der syrischen Hauptstadt Damaskus, wo Ahmad als Enkel eines palästinensischen Flüchtlings zunächst friedlich aufwuchs. Durch den Bürgerkrieg und die Machtübernahme des IS endete für ihn die friedvolle Zeit in Syrien und gerade das Musizieren wurde zu einem lebensbedrohlichen Unterfangen. Doch der studierte Musiklehrer hielt dagegen. Er blieb und machte weiter Musik.

Ein zündender Funke

Woher er den Mut genommen habe, in diesen gefährlichen Umständen zu bleiben und dem Regime zu trotzen? «Ich finde es wunderschön, dass Sie das als Mut bezeichnen. Aber wenn man keine andere Wahl hat, muss man bleiben. Ich hatte keinen richtigen Pass ausser den eines palästinensischen Flüchtlings. Mit dem konnte ich nicht in den Libanon oder in die Türkei einreisen», gibt er zu bedenken.

Etwas in seinem Inneren verändert habe jedoch schliesslich ein Anruf aus Hamburg im Jahr 2015. Der Anruf kam von Monika Fabricius, die ihm erzählte, dass die «Süddeutsche Zeitung» über ihn berichtet habe, und ihm zu verstehen gab, dass er in Deutschland bereits bekannt sei. «Das war der zündende Funke. Wieder einmal mehr war es das Licht der Musik, das mir in meinem Leben einen Weg zeigte. Doch die Musik alleine reicht ja nicht. Es braucht immer auch Menschen, einen Jesus, einen Engel, und dieser Engel war in meinem Fall Monika. Sie hat eigentlich nichts getan, aber sie hat etwas entzündet.»

Ahmad entschied sich, die gefährliche Reise über die Balkanroute anzutreten, und erreichte im September 2015 Deutschland. Seither gibt «der Pianist in den Trümmern» Konzerte in ganz Europa, von Grossbritannien bis nach Marokko.

Die Hoffnung im Zentrum

Geprägt sind die Werke des studierten Musikers von einem eigenen Stil. «Wenn man während des Kriegs Mozart oder Beethoven spielt, fragt man sich, was man da eigentlich tut. Im Krieg tat die klassische Musik nichts für die Menschen in Syrien.» Zu fern sei diese Musik den Lebensrealitäten der Syrer, erklärt er. Die Lieder des Pianisten setzen sich deshalb aus bekannten Werken der Klassik zusammen, gemischt mit Elementen aus dem Jazz und der traditionellen arabischen Musik.

So auch am vergangenen Sonntagabend im Arlesheimer Setzwerk. Er nennt sie «music for hope». Dabei gehe es ihm nicht nur um die Hoffnung für Palästina, sondern auch für Europa. «Ich bin überzeugt, dass das kapitalistische System zusammenbrechen wird, und wenn es das tut, dann hoffe ich, dass wir einen friedlichen Weg miteinander finden. Seit über 80 Jahren herrscht Frieden in Europa. Meine grosse Hoffnung ist, dass das so bleibt.»

Auf die aktuellen Konflikte zwischen Israel und Palästina blickt er betroffen: «Es spielt für mich keine Rolle, woher jemand kommt. Mensch ist Mensch. Israel muss das Recht haben, zu existieren, genauso wie Palästina», führt er aus.

Die Lieder, die der Künstler auf der Bühne improvisierte, waren ein Wechselbad der Stimmungen: Mal ganz laut und düster, dann wieder sachte und froh reichten die Elemente von Ausschnitten aus klassischen Liedern wie «Freude, schöner Götterfunken», bei denen der Saal mitsang, hin zu arabischen Melodien, die der Pianist gesanglich begleitete.

Literatur und Musik

Die Musikstücke wechselten sich jeweils ab mit Passagen aus dem Buch «Und die Vögel werden singen». Das autobiografische Werk des Pianisten wurde von Sandra Hetzl und Ariel Hauptmeier niedergeschrieben. Die Stimmungswechsel der Lieder griffen dabei die Vielfalt der Stimmungen des Werks auf. So erzählten einige Passagen von der Verlobung Aeham Ahmads mit der jungen Kunstlehrerin Tahani. Andere berichteten von den Gräueln des Kriegs und der Ermordung eines Mädchens.

Im Publikum schwappten so die Stimmungen von heiterem Gelächter zum geflüsterten «Jesses Gott», das offenkundig betroffen wiederholt zu vernehmen war. Das Konzert endete schliesslich mit stehenden Ovationen und den Worten: «Es gibt Hoffnung. Immer gibt es Hoffnung.»

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