Der Erste Stock schliesst seine Tore
Ein kleiner Verein schuf auf dem Münchensteiner Walzwerk einen Ausgeh- und Kulturort für junge Menschen. Nun ist damit Schluss. Wer die Räumlichkeiten übernimmt, ist noch unklar.

Fünd Jahre lang wurde in Münchenstein auf dem Walzwerk im Ersten Stock getanzt und gefeiert. Eine Gruppe junger Menschen aus der Region organisierte im Obergeschoss direkt am Bahngleis Konzerte, Sommerfeste, «Bravo-Hits»-Partys, gelegentlich eine Ü40-Party und Boccia-Turniere. Diese Ära ist am Samstag zu Ende gegangen. Mit einem Endsommerfest verabschiedete sich der Verein hinter dem kleinen und feinen Tanz- und Nachtclub. Laut Fadri Wetzel und Silvan Berentsen, die am Projekt von Anfang an beteiligt waren, sind die Gründe dafür vielfältig. Über die Jahre sei die Gruppe in einen Trott geraten. «Wir haben es immer noch sehr gut, hören jetzt aber lieber im Guten auf», sagt Berentsen.
Die jungen Menschen aus der Basler Agglomeration betrieben das Lokal mit der doppelstöckigen Terrasse direkt am Bahngleis stets ehrenamtlich und begleitend zu Arbeit oder Ausbildung. Eine Rolle spiele aber auch der im April 2026 auslaufende Mietvertrag, dessen Erneuerung viel Aufwand nach sich gezogen hätte, so Berentsen und Wetzel. Ausserdem habe sich bei vielen der Gruppe auch der Fokus in Richtung Stadt verschoben. «Bis auf einen kleinen Teil wohnt von uns niemand mehr in der Agglo», sagt Wetzel. Ein weniger intensiver Betrieb komme nicht wirklich in Frage, weil die Miete bezahlt werden müsse, ergänzt Berentsen. «Ein bisschen Geldstress hatten wir immer.»
Vor allem im Sommer veranstaltete der Erste Stock regelmässig Konzerte, Partys und Feste mit diverser Clubmusik. Auch weil die Anlässe nicht immer kostendeckend waren und die Miete auch in den eher ruhigeren Wintermonaten bezahlt werden musste, vermietete der Verein das Lokal zusätzlich an Private. So schuf und finanzierte die kollektiv organisierte Gruppe eine wichtige kulturelle Plattform in der Agglomeration von Basel. Junge Kulturschaffende der Region konnten niederschwellig auftreten und Erfahrungen sammeln. Deren Darbietungen standen dank tiefer Eintritts- und Getränkepreise vielen offen. Auch wenn stets alle Altersgruppen willkommen waren, war der Erste Stock das Ausgehlokal der Jungen: gemacht von und für junge Menschen.
Wichtige Plattform für junge Kulturschaffende
Begonnen haben Berentsen, Wetzel und ihre Mitstreiterinnen zu Zeiten des Coronavirus – «eine schwierige Zeit wegen der häufig ändernden Regeln für öffentliche Veranstaltungen», wie Berentsen betont. Trotzdem seien die Sommerfeste sehr gut gelaufen, vielleicht gerade, weil sich die Feierlust über die Lockdown-Phasen regelrecht angestaut gehabt habe. Als die Gruppe das Lokal von den Vorgängerinnen übernahm, waren einige Mitglieder des Vereins keine 20 Jahre alt. «Es war für uns alle die erste Erfahrung, in irgendeiner Form Kulturveranstaltungen zu machen. Wir haben sehr viel gelernt», sagt der heute 24-jährige Wetzel.
Wie es weitergeht, ist noch unklar. «Die zukünftige Nutzung der Fläche ist noch offen», schreibt die Eigentümerin auf Anfrage und dankt dem Verein für dessen Engagement. «Kultur soll weiterhin ein zentraler Bestandteil des Walzwerks bleiben.» Man sei auf der Suche nach neuen Initiativen. Wetzel kann sich vorstellen, dass die kommerzielle Nutzung Einzug halten wird. «Die Gentrifizierung ist unterwegs.» Mit einem Wirtepatent in unmittelbarer Nachbarschaft der zahlreichen Gewerbebetriebe auf dem Areal liesse sich mit geschicktem Barbetrieb sicherlich Geld verdienen, meint Wetzel.
Junge Nachfolgerinnen oder Nachfolger, die lokalen Kunst- und Kulturschaffenden im Geiste des Kollektivs weiterhin eine Bühne hätten bieten können, gebe es laut Wetzel und Berentsen keine.