«Das Theater muss diverser werden»

Die Basler Schauspielerin Yüksel Esen kehrt im November mit ihrem Erfolgsstück «Und dann war ich nicht mehr» nach Dornach ins Neue Theater zurück – dorthin, wo für sie vieles begann.

Auf dem Weg nach oben: Schauspielerin Yüksel Esen gewann den Jungsegler-Preis mit ihrem Stück «Und dann war ich nicht mehr». Foto: Florin Bürgler

Es ist so, als hätte es ihr Name schon prophezeit: Yüksel Esen, deren Vorname auf Türkisch so viel wie «aufsteigen» bedeutet, ist dabei, genau das in der Schweizer Theaterwelt zu tun. Mit ihrem ersten eigenen Soloprogramm «Und dann war ich nicht mehr» gewann sie im August den renommierten Nachwuchspreis Jungsegler und tourt damit bald durch die gesamte Deutschschweiz. Eine wichtige Rolle bei der Umsetzung dieses autobiografischen Solostücks spielte auch das Neue Theater in Dornach, welches das Projekt von Anfang an förderte.

Doch alles der Reihe nach: Yüksel Esen ist als Tochter türkischer Eltern in Basel aufgewachsen. Sie besuchte die Fachmittelschule mit dem Schwerpunkt Theater und war schon früh im Jugendclub des Theater Basel aktiv. Nach der Schulzeit absolvierte sie die Pädagogische Hochschule und studierte in London an einer Schauspielschule. «Nach meinem Abschluss in London wollte ich wieder in die Schweiz. In einer solchen Grossstadt zu leben, war auch überfordernd», meint Esen rückblickend.

Wandlerin zwischen den Herkunftskulturen

Kaum war sie zurück in der Schweiz, wurde jedoch schnell klar, dass sie nur über ein begrenztes Theaternetzwerk verfügte – so übernahm sie einige kleinere Rollen und unterrichtete Teilzeit an einer Sekundarschule. Dann kam die Coronapandemie und brachte auch die Theaterwelt zum Stillstand: «Mir blieb nichts anderes übrig, als selbst zu schreiben. Und die Ideen sprudelten nur so aus mir heraus», erzählt Esen über diese Zeit. Entstanden ist daraus ihr erstes eigenes Stück, das den Namen «Und dann war ich nicht mehr» trägt. Darin erzählt sie auf bewegende, aber auch humorvolle Weise über ihre Erfahrungen als Schweiztürkin. Sie thematisiert das «Frauwerden» und «Frausein» im Kontext ihrer beiden Herkunftskulturen, die teilweise überraschend viele Gemeinsamkeiten aufweisen würden, so Esen: «Im Stück spreche ich auch viele Tabuthemen wie sexualisierte und häusliche Gewalt an.» Aussergewöhnlich ist, dass im gesamten Stück keine Namen genannt werden, denn ihre eigenen Erfahrungen als Wandlerin zwischen den Kulturen sollen stellvertretend für unzählige Lebensrealitäten stehen.

Anfang 2022 führte Esen ihr erstes Solostück in Form von szenischen Lesungen an kleineren Orten auf. Über gemeinsame Bekannte war auch jemand vom Neuen Theater Dornach bei einem dieser Anlässe anwesend – ein bedeutsamer Abend, wie sich herausstellen sollte. Das Neue Theater war so begeistert, dass es das Stück gleich noch als letzten Punkt ins Jahresprogramm aufnahm. «Dafür bin ich unendlich dankbar. Es war so schön, dass alle von Anfang an daran geglaubt haben», sagt Esen über die Zusammenarbeit.

Überraschen und provozieren

Nach sechs ausverkauften Vorstellungen in Dornach im vergangenen November wartete diesen Sommer der nächste grosse Höhepunkt in Esens Karriere: der Gewinn des Jungsegler-Preises. Damit verbunden ist eine grosse Tour mit 21 Auftritten in der ganzen Deutschschweiz. Bevor es aber damit so richtig losgeht, kehrt sie für fünf Aufführungen von November bis Januar ins Neue Theater nach Dornach zurück.

Dafür wünscht sie sich, dass vor allem auch Menschen zu den Vorstellungen kommen, die sonst vielleicht nicht regelmässig ins Theater gehen: «Das Theater muss diverser werden und sich der breiten Bevölkerung öffnen. Was auf der Bühne passiert, ist immer ein Abbild der Realität, und dazu gehört auch, dass man Geschichten erzählt, die sonst nicht gehört werden.» Esen schmunzelt und meint abschliessend: «Das Stück ist für alle, die sich gerne überraschen und auch ein wenig provozieren lassen.»

Das sind die Theater-Highlights der Saison

Culturescapes 2023 Sahara: Am 2. November findet im Rahmen des Kunstfestivals Culturescapes die Aufführung «Traces – Discours aux Nations Africaines» statt. Ein lyrischer Monolog an die Jugend des afrikanischen Kontinents. Am 4.  November werden dann unter dem Namen «Laureates of Africa Simply the Best» drei preisgekrönte Solotänze aufgeführt.

Yüksel Esen mit Und dann war ich nicht mehr (9. 11. / 12. 11. / 17. 11. / 12. 1. / 13. 1.)

Judith Shakespeare – Rape und Revenge (30. 11. / 8. 12. / 9. 12. / 15. 12. / 16. 12. / 17. 1. / 19. 1.)

Die Geschichte von William Shakespeares Schwester, die endlich aus seinem Schatten treten will – ein hochaktuelles Stück, das den Finger in die offenen Wunden unserer Gesellschaft legt.

Abigstärn – Theater auf dem Lande (1. 12.)

Ein One Woman Orchestra von Fatima Dunn.

Louises Traum oder Where the f*ck is Kurt Weill? (21. 12. / 31. 12.)

Ein musikalisches Bühnenprogramm, das die europäische Bühnenkunst der 20er- und 30er-Jahre wieder aufleben lässt.

Mehr Informationen und Tickets: www.neuestheater.ch

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