Bohren für Kilowattstunden
Der Kanton Baselland untersucht zurzeit das Birstal nach geeigneten Standorten für Geothermiebohrungen. Dies weckt bei Teilen der Bevölkerung böse Erinnerung an die Erdbeben vor 20 Jahren in Basel.

Im Auftrag des Landrats untersucht das Amt für Umweltschutz und Energie (AUE) des Kantons Baselland zurzeit gemeinsam mit Primeo Energie und der Genossenschaft Elektra Baselland (EBL) mögliche Standorte für Geothermiebohrungen im Birstal und in der Talsohle zwischen Lausen und Ormalingen. Diese beiden Standorte hätten sich in einer frühen Phase der Untersuchungen als jene mit dem grössten Potenzial erwiesen, teilte Christoph Plattner, Leiter Ressort Energie beim AUE, im Rahmen einer Podiumsdiskussion zum Thema Geothermie Ende Mai in Liestal mit.
Im Birstal und in der Talsohle zwischen Lausen und Ormalingen seien unter den aktuellen Rahmenbedingungen die Aussichten am grössten, die hydrothermale Geothermie wirtschaftlich nutzen zu können, auch weil Versorgungsinfrastrukturen für (Fern-)Wärme bereits vorhanden seien, sagt Plattner auf Anfrage des Wochenblatts.
Gemäss dem Bericht zum Potenzial der Geothermie vom Juni 2024 eignet sich das Gebiet entlang der Birs von Birsfelden bis Aesch als bevorzugter Projektstandort. Dort befänden sich im Untergrund Verwerfungen des Oberrheingrabens. Der Bericht vergleicht die Chancen im Birstal mit der Situation in Riehen, wo seit 32 Jahren mittels Geothermie erfolgreich und ohne seismische Zwischenfälle Wärme aus dem Untergrund transportiert wird.
15 bis 120 Millionen Kilowattstunden pro Jahr
Im Birstal ist im zweiten Halbjahr 2026 ein runder Tisch vorgesehen, an dem unter Einbezug der Energieversorgungsunternehmen und Geothermie-Experten ein denkbares Vorgehen zur Exploration des Untergrunds skizziert werden soll. Erst am runden Tisch werde sich zeigen, ob beziehungsweise welche Untersuchungen sinnvoll sind und wie eine allfällige Erkundungsstrategie aussehen könnte, erklärt Plattner. Anhand der vorliegenden geologischen Informationen könne das energetische Potenzial nur grob beurteilt werden. In der Studie ist von einer nutzbaren Energie von 15 bis 120 Millionen Kilowattstunden im Jahr die Rede. Dies entspräche einer Heizölmenge von 1,3 bis 10 Millionen Litern.
Der Münchensteiner Energieversorger Primeo Energie arbeitet in einer Begleitgruppe mit und unterstützt den Kanton mit seinen Einschätzungen zu technischen und wirtschaftlichen Fragestellungen. «Wenn die Wärmeversorgung der Region komplett dekarbonisiert beziehungsweise fossilfrei werden soll, wird man alle Optionen nutzen müssen», betont Primeo-Mediensprecher Viktor Sammain. Dazu gehöre auch die Geothermie. «Es geht bei solchen Projekten schlussendlich um den Preis einer Kilowattstunde erneuerbare Wärme. Die Investitionskosten sind zwar tatsächlich sehr hoch. Dafür fallen im laufenden Betrieb keine Brennstoffkosten und verhältnismässig wenig Kosten für den Betriebsstrom an», führt Sammain aus.
«Ebenso fallen die Unterhaltskosten wesentlich tiefer aus als bei anderen Lösungen. Mit der langen Nutzungs- beziehungsweise Abschreibungsdauer erhoffen wir uns unter dem Strich einen marktfähigen Wärmepreis.»
Seit den 2006 durch eine Tiefenbohrung in Basel ausgelösten Erdbeben ist die Geothermie in der Bevölkerung und in Teilen der Fachwelt umstritten. Die vorgesehenen Projekte im Baselbiet unterscheiden sich in der Technologie und im Zweck stark von den in Basel gescheiterten Bohrungen. In Basel sollte Strom aus einer Tiefe von rund 5000 Metern gewonnen werden, bei den Projekten im Baselbiet geht es aktuell um die Wärmegewinnung wie in Riehen. Im Birstal wären Bohrungen in einer Tiefe zwischen 1200 und 1500 Metern vorgesehen. Ein sogenanntes petrothermales Konzept wie damals in Basel, wo versucht wurde, in grosser Tiefe mit Wasserdruck Strukturen aufzuweiten, um die Gesteinsdurchlässigkeit zu verbessern, steht gemäss Plattner im Baselbiet aktuell nicht zur Diskussion. «Die seismischen Risiken sind vor allem bei den petrothermalen Konzepten eine Herausforderung. Wobei auch hier in den letzten 20 Jahren weltweit bedeutende wissenschaftliche und technische Fortschritte gemacht wurden. Bei jeder Bohrung ist ein adäquates Risikomanagement wichtig.»


