«Wieder mal ein Buch lesen statt nur Vorlagen im Landrat oder Zeitungen»

Die Münchensteinerin Miriam Locher gibt das Präsidium der SP Baselland ab. Nach meh­reren Jahren in der Verantwortung freut sie sich auf mehr Zeit für sich.

Geniesst hohe Wertschätzung: die abtretende SP-Präsidentin Miriam Locher. Foto: Kenneth Nars

«Die Aufgabe macht mir immer noch Spass», sagt Miriam Locher so, dass man keine Zweifel daran hegt. Trotzdem gibt die Münchensteinerin das Amt als Parteipräsidentin der SP Baselland ab. An der Geschäftsdelegiertenversammlung im April wird ihre Nachfolge bestimmt. «Wäre ich amtsmüde oder hätte ich keinen Spass mehr, wäre es für meine Nachfolge schwieriger, dieses Amt als attraktiv wahrzunehmen.»

Die 41-Jährige ist seit Herbst 2020 die Chefin der aktuell zweitgrössten Partei im Baselbieter Landrat. Zuvor führte sie als Fraktionspräsidentin die Partei im Kantonsparlament. Die Zeit im Fraktionsvorstand eingerechnet, wird Miriam Locher bis im April während insgesamt acht Jahren in der Verantwortung gestanden haben. «Es ist schon speziell, zu wissen, dass ich ab April diese Verantwortung nicht mehr trage und mal ‹nur› Landrätin bin.» Als Fraktions- und Parteipräsidentin musste sie thematisch stets eine Generalistin sein und für die Fraktion, die ganze Partei und die Medien ein offenes Ohr haben. «Ich musste in den letzten Jahren fast permanent erreichbar sein», bringt Locher den damit verbundenen Druck auf den Punkt.

Freie Wochenenden und Abende gibt es in solchen Positionen selten. Genau darauf freut sich die Münchensteinerin nun. «Wieder mal ein Buch lesen statt nur die Vorlagen im Landrat oder Zeitungen», sagt sie strahlend. Das bedeute aber nicht, dass sie mit dem Ende ihrer Amtszeit als Präsidentin das Interesse an der Politik verliere, im Gegenteil: «Ich freue mich darauf, meine Kernthemen Bildung und Soziales wieder stärker beleuchten zu können.» Locher verspricht: «Ruhig im Ton, hart in der Sache – das behalte ich bei.»

Kein Abrücken von Grundprinzipien

Nun hat die Münchensteinerin mehr Zeit für die Familie und Freunde, die in den letzten Jahren viel zurückstecken mussten. Besonders freuen darüber dürften sich ihre fünf Neffen und Nichten.

Auch wenn es gerade ungünstig war, das Telefon musste Locher fast immer abnehmen. Ausser natürlich, sie unterrichtete gerade im Kindergarten in Aesch oder führte Elterngespräche. Denn trotz des zeitintensiven Pensums als Parteipräsidentin reduzierte sie ihre Arbeit nicht. Rückblickend würde sie dies vielleicht anders handhaben. «Ich hätte gerne mehr Zeit für die Politik gehabt.» Doch der Beruf sei für sie auch wichtig, um direkt zu spüren, wo den Menschen der Schuh drücke und wo die Herausforderungen und Probleme in der Bildungspolitik lägen.

Als die SP Baselland vergangene Woche den Rücktritt von Miriam Locher bekannt gab, war die Wertschätzung, die die Münchensteinerin geniesst, zu spüren. Lob gab es in Zeitungen und von politischen Gegnerinnen und Gegnern. Gewürdigt wurde Locher für ihren Umgang mit den anderen Parteien. «Ja, mir war es wichtig, stets das Gespräch zu suchen, um Lösungen zu finden.» Sie habe in gewissen Themen Grundprinzipien, von denen sie gar nicht abrücke. Zu diesen gehöre die Menschenwürde, sagt die 41-Jährige. Aber sonst müsse man in der Politik miteinander reden können, um für die eigenen Ideen etwas zu erreichen. So schaffte ihre Partei auch den Coup für eine gebührenfreie Kinder­betreuung bis ins Kindergartenalter. Die Baselbieter SP sammelte für ihre entsprechende Initiative in nur einem Tag die dafür nötigen Unterschriften. Die Botschaft war damit derart deutlich, dass sich der Landrat zu einem Gegenvorschlag veranlasst sah. Inhaltlich war dies mit Bestimmtheit einer der Höhepunkte von Miriam Lochers Amtszeit als Parteipräsidentin der SP. Die Zugewinne bei den vergangenen Nationalratswahlen im Oktober gehören ebenfalls dazu. Eine leichte Enttäuschung gab es vor knapp einem Jahr bei den Landratswahlen, als die SP auch wegen Proporzpech zwei Sitze verlor. Die zweite Kandidatur für den Regierungsrat mit Thomas Noack ­erlitt Schiffbruch.

Zukunft in Bern

Trotz der intensiven Jahre resümiert Locher spürbar zufrieden: «Ich habe unglaublich viel gelernt und bin dankbar für mein Team und viele tolle Begegnungen. Ich erachte das Amt nach wie vor als Privileg.» Mit Miriam Lochers Rücktritt geht die vorerst letzte Frau an der Spitze einer Landratsfraktion oder einer Partei im Kanton Baselland. Ihre Nachfolge hat nun genügend Zeit, die SP nach ihren Gunsten aufzustellen und ins Wahljahr 2027 zu führen. Für die Münchensteinerin wartet wahrscheinlich schon die nächste grosse Herausforderung: Aller Voraussicht nach wird sie in den kommenden zwei bis drei Jahren für Eric Nussbaumer in den Nationalrat nachrücken.

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