Von künstlichen Realitäten,Schnecken und Schleim

Die Art Foundation Pax, eine Stiftung zur Förderung digitaler Kunst, hat 2025 drei Schweizer Kunstschaffende ausgezeichnet. Das Haus der Elektronischen Künste (HEK) zeigt ausgewählte Arbeiten der Preisträger.

Fragmente: In der Arbeit von Lukas Truniger zerfällt die Realität in einzelne Teile.Fotos: zVg/HEK

Fragmente: In der Arbeit von Lukas Truniger zerfällt die Realität in einzelne Teile.Fotos: zVg/HEK

Tierisch: In Rhona Mühlebachs Videobeitrag interagiert ein Clown mit grossen Spinnen.

Tierisch: In Rhona Mühlebachs Videobeitrag interagiert ein Clown mit grossen Spinnen.

Was bleibt von der Realität übrig, wenn sie in grobe Pixel beziehungsweise in einzelne Bauteile zerfällt? Und was geschieht mit dem Menschen, der diese künstlich fragmentierte Welt für das Abbild der Realität hält? Lukas Truniger, Hauptpreisträger der Pax Art Awards 2025, begibt sich in seinen Kunstwerken, von denen zwei im Haus der Elektronischen Künste (HEK) an der jährlichen Ausstellung «Schweizer Medienkunst» zu sehen sind, auf die Spuren solcher Fragen.

In seiner Arbeit «Lost in Rasterized Translation» zeichnet eine Webcam in Echtzeit die Umgebung auf, wobei die Bilder in LED-Displays mit niederer Auflösung übertragen werden. Ein stark verzerrtes Bild der Realität entsteht, der Besuchende braucht viel Fantasie, um sich selbst überhaupt zu erkennen. Was der in Paris lebende Schweizer Künstler mit Video zeigt, lässt sich auf die Verarbeitung von Wissen durch künstliche Intelligenz, wie sie heutzutage Usus ist, übertragen.

30 000 Franken Preisgeld

Truniger entwickelt die künstlerische Erzählung in seiner zweiten Arbeit «Archives of Infinite Perspectives» zur Idee weiter, dass jede Identität, wie es im Ausstellungstext zu lesen ist, «durch die fortschreitende Interaktion mit Algorithmen geformt» werde. Dies versucht er mittels einer dreiteiligen Installation aus Bildschirmskulpturen darzustellen, in denen jeweils ein KI-Modell die im ersten Kunstwerk erzeugten Aufnahmen in «eigene Interpretationen und Halluzinationen» verwandelt.

Truniger wurde 1986 in Zürich geboren. Er erwarb einen Musikabschluss an der Robert-Schumann-Hochschule für Musik und Medien in Düsseldorf sowie einen Abschluss in Bildender Kunst in Frankreich. Seit 2016 werden seine Arbeiten international gezeigt, zudem ist er Träger mehrerer Auszeichnungen. Die Stiftung Art Foundation Pax, die seit 2018 in Zusammenarbeit mit dem HEK die Pax Art Awards vergibt, belohnt Trunigers Arbeit mit einem Preisgeld von 30 000 Franken, wobei ein Teil in die Produktion einer neuen Arbeit und ein anderer in den Kauf eines Werks für die stiftungseigene Sammlung fliesst.

Zwei Förderpreise

Wie jedes Jahr werden zudem zwei Förderpreise mit einem Preisgeld von je15 000 Franken verliehen. Als im auszeichnenden Sinne merkwürdig, ja schräg dürfen die Installationen der Künstlerin Rhona Mühlebach bezeichnet werden – ihre Videobeiträge geben sogar Anlass zum Schmunzeln: Die Arbeit«I Petrify» erzählt von einer Schnecke, die sich versteinern lassen will, um bessere Zeiten abzuwarten. Sie spricht über ihr Leben, ihre Absichten und beantwortet Fragen von Journalisten an einer Pressekonferenz. Weil die Menschen die Sprache der Schnecke nicht verstehen, bedient sich diese eines menschlichen Körpers. Ebenso fantasievoll zeigt sich Mühlebachs zweite Arbeit mit dem Titel «Antechamber of Supporting Characters»: Hier versucht ein unsicherer Clown, mit einer Gruppe selbstbewusster Spinnen über körperliche Nachahmung und Klänge zu kommunizieren. Mühlebach studierte Film an der École cantonale d’art de Lausanne und Bildende Kunst an der Glasgow School of Art.

Auf sich wirken lassen

Der zweite Förderpreis geht an die Zürcher Künstlerin Isabell Bullerschen. In einer ihrer vier am HEK ausgestellten Arbeiten, «Metabolic Portals», geht es um Schleim als «Form der Existenz», wie die Künstlerin es ausdrückt. Dabei wird der Schleim zwar digital irgendwie und verschiedentlich verarbeitet, bleibt aber in seiner Masse immer vorhanden. Zentrum des Werks «Stellar Phlegm» ist eine Stoffskulptur, auf der Besucherinnen und Besucher Platz nehmen und sich akustisch in schleimige Welten entführen lassen können. Wie immer sei empfohlen, die Werke auf sich wirken zulassen. Wer versucht, die Ausstellung rein intellektuell zu deuten, dürfte gedanklich zu nagen haben.

Schweizer Medienkunst – Pax Art Awards 2025: 14. Februar bis 19. April; Mi und Fr: 12 bis 18 Uhr; Do: 12 bis 20 Uhr; Sa und So: 12 bis 17 Uhr; Haus der Elektronischen Künste, Freilager-Platz 9, Münchenstein. Weitere Infos: www.hek.ch.

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