Per Zug durch die Medienlandschaft
Bei dieser Berg-und-Tal-Fahrt laden acht Kunstschaffende aus aller Welt zur Reise durch ihre «mémoires voyageuses». Die Ausstellung des Kunsthauses Baselland präsentiert sich passend dazu als Parcours.

Ob es das Wort «Medienlandschaft» mit der entsprechenden Doppeldeutigkeit auch im Spanischen gibt, wäre noch zu klären. Was Mateo Maté im grössten Raum des Kunsthauses Baselland errichtet hat, ist aber auf jeden Fall eine Kartografie derselben: Aus Zeitungen hat der spanische Konzeptkünstler eine zerklüftete Berglandschaft geformt, durch die sich eine Modelleisenbahn ihren Weg bahnt. Wer will, kann mittels Livekamera mitfahren und die Lage der Welt in Form von Schlagzeilen und Meldungen an sich vorbeiziehen lassen. Eine regelrechte Berg-und-Tal-Fahrt.
Für die Sammelausstellung mit acht Kunstschaffenden aus aller Welt hat der 64‑jährige Maté seine in anderen Städten erprobte Idee auf eine Fläche von 18 × 10 Metern ausgeweitet und mit zahlreichen Ausgaben von Lokalzeitungen einregionalisiert. Diese hat er mit einer Folie plastifiziert, sodass der Kunst auch physisch kein Verriss droht.
Codierte Datenberge auf Salzlandschaft
Einen Stock höher vernimmt man in diesem auf die Räumlichkeiten abgestimmten Parcours ein Echo auf Matés Artikel-Alpen: Hier werden Datenberge auf eine Salzlandschaft projiziert, und auch hier wird eine zweidimensionale Abbildung durch die Unebenheiten des Untergrunds auf eine höhere Ebene gehoben. Was der Projektor als Pixel ausspuckt, hat wiederum eine eigene Reise hinter sich, wie Onome Ekeh beim Presserundgang am vergangenen Donnerstag ausführt.
So hat die US-amerikanische Künstlerin mit Jahrgang 1966 alte Familienfotos und andere Fundstücke aus der Heimat der Vorfahren an eine KI verfüttert, ins Negativ verdreht und schliesslich in den Zeichencode ASCII übersetzt. Die KI-Bilder seien für sich «schon spannend» gewesen, sagt sie, doch eben nicht spannend genug. Zudem sei der aus den Sechzigerjahren stammende und aus heutiger Sicht sehr rudimentäre Code eine Art Vorläufer der KI. Doppelte Ahnenforschung also. Zurück zu seiner Kindheit in Angola reist auch Binelde Hyrcan (*1982) mit einem ebenso kurzen wie kurzweiligen Video. Wir sehen vier Buben, die sich aus Sand eine Limousine gebaut haben und sich darin aufs herrlichste als Grosskotze ausgeben: «Stell um auf den anderen Radiosender!» und «Die Scheiben sind hier aber schmutzig!», herrschen die hinten Sitzenden den Fahrer an, der die Hände fest am Flipflop-Steuer hält. Dann schwärmen sie von ihrem Vater, der Doktor sei in den USA, oder von der italienischen Ehefrau.
Wie der im Bürgerkrieg aufgewachsene Künstler hier die Flucht in die Fantasiewelt einfängt, ist ergreifend, ohne dass das Werk dadurch schwermütig daherkommt. Ein Zug, den er sich mit Helena Uambembe (*1994) teilt: Ihre Arbeit «How to Make a Mud Cake» ist grosszügig mit Humor gewürzt. Im Stile eines Onlinetutorials bereitet die angolanisch-südafrikanische Künstlerin einen Kuchen zu, dessen Hauptzutat Erde ist. Es werden Erinnerungen geknetet und Wurzeln vermengt. Doch die Warnhinweise hängen als bedruckte Jutesäcke rund um den Bildschirm drapiert: «Kann Spuren von Faschismus enthalten», steht da. Von Unterdrückung, Schuld oder Whitewashing. Die Nachspeise ist ungeniessbar. Die Gruppenausstellung im Kunsthaus Baselland ist es freilich nicht.
«Mémoires voyageuses»: Kunsthaus Baselland, bis am 16. August. Mehr Infos auf www.kunsthausbaselland.ch.


