Wie sich das Digitale in unser Leben gräbt
Mit «Thresholds» zeigt das Studio Lemercier eine Ausstellung zwischen Technologiekritik und Licht-spiel im Haus der elektronischen Künste.
Zwei Wände, ein leicht erhöhter Boden. Schmale helle Linien entstehen, ziehen ein Raster in die Dunkelheit. Dann kommt Licht, in einer Ecke wird eine Fläche aufgezogen, die sich durch den Raum schiebt, grösser wird. «Edges» heisst die erste Installation der neuen Ausstellung im Haus der elektronischen Künste in Münchenstein. Darin lässt das Kunstduo-Studio Lemercier aus Brüssel mit einfachen Mitteln optische Illusionen entstehen. Aus Licht wird Dreidimensionalität, eine Spielerei, die beim Zuschauen Spass macht. Künstler Joanie Lemercier und Kuratorin Juliette Bibasse zeigen in den ersten Werken der Ausstellung «Thresholds» ihre Faszination für Technologien und machen dabei gleichzeitig sichtbar, wie schnell manipuliert werden kann, was wir sehen.
Es dauert dann auch nicht lange, bis die Faszination kippt und Kritik laut wird. Lemercier ist Klimaaktivist, seit ein paar Jahren fliegt er nicht mehr. Mit Bibasse ist er auf einem Frachtsegelschiff in die USA gereist, wo sie unter anderem Kupferminen in Utah filmten. Die Erlebnisse dieser speziellen Reise haben auch einige der dreizehn Kunstwerke der Ausstellung inspiriert.
Werte und überschrittene Grenzen
So folgt auf die schönen Lichtspiele am Anfang des Rundgangs die Gegenüberstellung zweier Werke, die auf einen Schlag sichtbar machen, welchen Preis die Natur für die Technologie bezahlt. Während auf der einen Seite das Wachstum digitaler Infrastrukturen visualisiert wird, laufen auf der anderen Seite auf zwei Bildschirmen Videoaufnahmen der riesigen Kupferminen in Utah: Kupfer wird beispielsweise in Datenzentren genutzt, die in grossen Mengen gebaut werden. Die Aufnahmen des Kupferabbaus wirken surreal, Lastwägen wirken in der Landschaft verschwindend klein, im Hintergrund ragen Berge in den Himmel.
Mit dem Studio Lemercier ist im HEK also ein Duo zu Gast, das selbst viel mit Technologie arbeitet und gleichzeitig hinterfragt, was das für die Welt bedeutet. Die aktuelle Ausstellung trägt den Untertitel «Von den Werten, die wir setzen, und den Grenzen, die wir überschreiten». Lemercier und Bibasse wollen das Publikum dazu anregen, über den eigenen Gebrauch von Technologie und den damit zusammenhängenden Verbrauch von Ressourcen nachzudenken.
Zwischen Natur und Zerstörungswut
Das tun sie ohne erhobenen Zeigefinger und mit einer fast schon zärtlichen Betrachtung der Umwelt. Mit Bildern vom Ozean, einer Installation, in der Lichtflecken auf einer Meeresoberfläche tanzen. Sie nutzen natürliche Effekte, lassen Wassertropfen Bewegung in Lichtraster bringen, beobachten, wie der Wind Papierstrukturen bewegt.
Die Werke in «Thresholds» sind langsam. Beim Gang durch die Räume muss man sich Zeit lassen, um Details zu erkennen, und gerät dabei in ein Spannungsverhältnis zwischen Natur und Zerstörungswut. Lemercier und Bibasse erzählen eine Geschichte, die mit Freude anfängt und kritisch weitergeht. Zu Ende geschrieben wird das Ganze von einem 25-minütigen Film. Er trägt den Titel «Slow Violence».
Lemercier hat dafür Aufnahmen vom Hambacher Forst, Europas grösstem Braunkohletagebau, zusammengeschnitten. Entstanden ist ein audiovisuelles Erlebnis, das das Publikum nach den langsameren Werken wieder wach rüttelt und mit einem treibenden Rhythmus und dystopischen Bildern dazu aufruft, aktiv zu werden. «Slow Violence» markiert den Moment, in dem das Studio Lemercier ganz direkt politisch wird. Und sich neu ausrichtet, weil das Duo nicht gegen Technologie, aber für eine andere Zukunft kämpft.






