«Wer unsicher ist, sollte nicht probieren»

Trotz Regenmangels bringen emsige Sammler ihre Fundstücke zur Pilzkontrolleurin nach Münchenstein. Susanne Eggimann begutachtet jeden einzelnen Pilz sorgfältig und beisst auch mal rein.

Pilzexpertin seit 17 Jahren: Susanne Eggimann teilt ihr Wissen mit Sammlerinnen  und Sammlern. Foto: Fabia Maieroni
Pilzexpertin seit 17 Jahren: Susanne Eggimann teilt ihr Wissen mit Sammlerinnen und Sammlern. Foto: Fabia Maieroni

Susanne Eggimann nimmt ein kleines Stück vom Pilz und beisst rein. «Der ist bitter! Ein Schönfussröhrling», sagt sie zu dem jungen Mann, der den Korb mit den Waldtrouvaillen mitgebracht hat. Er komme gerne hierher, sagt er zum Wochenblatt. «Frau Eggimann hat viel Erfahrung und erklärt auch die feinen Unterschiede zwischen den einzelnen Pilz­arten.» So könne man bei der Suche noch gezielter vorgehen, meint der Mann. Der bittere Pilz fliegt in den Kompostkübel auf dem Tisch. In sauberen Lettern füllt die Expertin das Protokoll über die kontrollierten Pilze aus – das Original gibt sie dem Sammelnden mit, eine Kopie behält sie. Die ungeniessbaren und giftigen Pilze kompostiert Eggimann bei sich zu Hause.

Seit 17 Jahren begutachtet Susanne Eggimann Pilze im Kontrolllokal an der Schulackerstrasse 4 in Münchenstein. Das Wissen hat sich die dreifache Mutter selbst angeeignet, weil die Kinder Interesse am «Pilzle» zeigten. Der Vater arbeitete als Hauswart im Schulhaus Loog, wo die Familie auch wohnte. In eben diesem war die Pilzkontrolle lange untergebracht. Immer wieder hätten die Kinder dort den Kontrolleuren über die Schulter geschaut. «Da habe ich angefangen, mich mit Pilzen auseinanderzusetzen. Am Anfang habe ich viele Ungeniessbare gesammelt und nach der Kontrolle auch mal nichts mit nach Hause nehmen können», sagt Eggimann lachend. Als einer der beiden Pilzkontrolleure eine Nachfolgerin suchte, entschied sich Eggimann, diesen Posten zu übernehmen. Und dann begann das Büffeln: Unzählige Pilzsorten musste sie aus­wendig lernen, deren Aussehen und Vorkommen kennen, eine nationale Prüfung ablegen. Heute kontrolliert sie zusammen mit ihrem Kollegen André Soguel am Mittwoch-, Samstag- und Sonntagabend Pilzernten. Der Dienst ist ein Angebot der Gemeinde, für den die beiden entschädigt werden. Für Sammlerinnen und Sammler ist der Service kostenlos.

Pilze mögen keine Trockenheit

Der Andrang hält sich heuer in Grenzen, denn in den Wäldern der Region gibt es nur wenig Pilze zu finden. Der ausbleibende Regen macht den eukaryotischen Lebewesen zu schaffen. Dem Klimawandel will Eggimann nicht die Schuld ­geben: «Es gab schon immer Jahre, in denen es nur wenig Pilze gab. Und dann kommen plötzlich wieder ganz verrückte Pilzjahre.» 2022 sei so eines gewesen. 222 Kontrollen hat die Expertin zusammen mit ihrem Kollegen da durchgeführt. Teilweise seien die Leute bis auf die Strasse Schlange gestanden. Die Kontrollzahlen sind eindrücklich: 250 Kilogramm essbare, 47 Kilo ungeniessbare Pilze, 15 Kilo giftige und sechs tödlich giftige Pilze, so die Bilanz von 2022.

Dieses Jahr ist es deutlich ruhiger. An diesem Sonntagabend finden fünf Pilzsammlerinnen und -sammler aus der Region ins Kontroll­lokal. Ihre Körbe sind nur spärlich befüllt; da ein paar Maronenröhrlinge, dort ein Düsterer Röhrling. Die grosse Ernte bleibt aus. Darüber sei sie gerade nicht unglücklich, denn der neue Pilzkontrolleur der Gemeinden Aesch, Arlesheim, Dornach und Pfeffingen weile etwas länger in den Ferien. Ein grosser Ansturm könnten die Kontrolleure in Münchenstein nicht bewältigen.

Neosammlerinnen und -sammlern rät die Expertin, darauf zu achten, nur jene Pilze mitzunehmen, die man kenne. «Die Pilze sollten nicht matschig und nicht faul sein. Auch Würmer sollten nicht dran sein.» Überdies gelte: «Wer unsicher ist, sollte den Pilz auch nicht probieren!»

Lieber Pilze statt Blumen

Susanne Eggimann steckt viel Herzblut in ihre Arbeit. Zuweilen packt sie auch der Ehrgeiz – etwa dann, wenn sie einen Pilz nicht identifizieren kann. «Letztes Jahr brachte mir jemand einen mit, den ich in keinem meiner Bücher fand. Ich konfiszierte ihn und warf ihn auf den Kompost. Aber die Sache wurmte mich, und ich holte ihn am nächsten Tag wieder raus.» In einem schon fast verges­senen Büchlein sei sie dann fündig geworden: Es war ein Wolfsröhrling. Der Pilz landete wieder auf dem Kompost – denn er ist giftig.

Eggimanns persönlicher Pilzfavorit heisst Hallimasch – ein Parasit, der sich auf Bäumen niederlässt und ihnen Schaden zufügt. «Der Förster ist froh, wenn wir die aus dem Wald holen!» Es überrascht denn auch kaum, womit man ­Susanne Eggimann die grösste Freude machen kann: «Statt Blumen bringen mir meine Kinder lieber Pilze mit.»

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