Ohne Glace, dafür mit politischem Biss

Zwischen Anekdoten und Gesellschaftskritik: Komödiant und Slam-Poet Dominik Muheim regte das Publikum mit «Soft Ice» zum Nachdenken an.

Wob ein Netz aus Geschichten und Erinnerungen: Dominik Muheim in seinem Programm «Soft Ice».Foto: Désirée Bellwald
Wob ein Netz aus Geschichten und Erinnerungen: Dominik Muheim in seinem Programm «Soft Ice».Foto: Désirée Bellwald

Was wäre, wenn ausgerechnet an diesem Abend die Welt unterginge? Mit dieser Frage steigt Dominik Muheim in sein Programm «Soft Ice» ein. «Immerhin», so die selbstironische Antwort des ehemaligen Primarschullehrers, «wären wir dann gemeinsam hier.» Mit Pantomimen zeichnet Muheim dabei das Bild einer Gesellschaft, die selbst auf die Apokalypse inzwischen mit abgestumpfter Gleichgültigkeit reagieren und weiter unbeirrt die chaotische Kabelsalat-Schublade sortieren würde.

Bereits in die selbstironische Einleitung webt der Komödiant und Slam-Poet zwischen persönliche Anekdoten weitere gesellschaftskritische Seitenhiebe: Die Klimakrise und der «Spätkapitalismus» werden direkt und ohne Umschweife als Probleme der aktuellen Zeit benannt. Im weiteren Verlauf kommen Fragen nach Identität, gesellschaftlichen Normen und dem Umgang mit politischen Themen hinzu. Meist werden diese nur angedeutet: in kurzen Bemerkungen, Bildern und Szenen, die sich beiläufig – und dennoch klar benannt – in die Handlung einfügen.

Von der Neutralität bis zum Patriarchat

So streift Muheim im Verlauf des Abends ganz unterschiedliche Bereiche. Auch die Schweizer Neutralität kommt zur Sprache, ebenso die Ehe, die von einer Figur in den Geschichten Muheims als «heteronormative Institution im Patriarchat» bezeichnet wird. Die einzelnen Aspekte ergeben sich aus vermeintlich persönlichen Erlebnissen und Beobachtungen des Alltags. Als Muheim beispielsweise erzählt, wie er und seine damaligen Schulfreunde einen Fallschirmspringer in Not beobachtet hätten. Dieser habe auf dem Schulrasen landen wollen, sei dabei aber vom Hausmeister Schlatter auf seinem Rasenmäher vertrieben worden. Schlatter, so die Beschreibung Muheims, habe dabei «wie Blocher auf dem Herrliberg» auf seinem Gefährt gesessen.

Eine Hochzeit auf Umwegen

Nach der Pause erscheint Muheim verändert auf der Bühne. Die kaputte Tasse aus dem ersten Teil ist einem Champagnerglas gewichen, auch das Hemd wurde gewechselt: Nun trägt Muheim offensichtlich ein Outfit als Hochzeitsredner. Die Erscheinung Muheims macht somit auch visuell deutlich, dass er endlich zur Schilderung jener Hochzeit, um die sich «Soft Ice» im Kern dreht, kommen wird. Bis dahin hat er das Publikum durch zahlreiche Rückblicke und Abschweifungen geführt, die insbesondere die Geschichte der Braut erzählten. Insbesondere die Figuren, denen Muheim in seinen Erzählungen begegnet, dienen dem Slam-Poeten dazu, alltägliche Erlebnisse als Ausgangspunkt für eine Betrachtung über die Gegenwart zu nehmen, ehe er kurz darauf wieder zu einem ganz anderen Punkt seiner Geschichte zurückkehrt.

Wiederholt greift Muheim Motive auf, die bereits in früheren Erzählungen genannt wurden, wodurch nach und nach ein Netz aus Geschichten und Erinnerungen gewoben wird. Dass sich das Publikum in den Geschichten Muheims wiederfinden soll, zeigt sich daran, dass er nicht selten auf Elemente zurückgreift, die den Anwesenden ebenfalls vertraut sein dürften. Ein Beispiel dafür ist eine Bemerkung Muheims über das Deo «Axe Africa», das insbesondere der Generation der jüngeren Millennials, zu denen auch Dominik Muheim zählt, ein Begriff aus der Jugend ist.

Zwischen Pointe und Beobachtung

In seinem Programm setzt der Komödiant nicht ausschliesslich auf schnelle Pointen. Sein Anspruch ist es vielmehr, die Zuschauerinnen und Zuschauer auch zum Nachdenken zu bringen, wie sich bereits beim Einstieg ins Programm zeigt. Entsprechend nimmt sich «Soft Ice» Zeit für seine Geschichten.

Dass diese Form des Humors beim Publikum ankommt, beweisen die Reaktionen im Saal. Immer wieder wird gelacht, teilweise unmittelbar nach einer Pointe, teilweise dann, wenn eine zuvor erzählte Geschichte durch eine spätere Bemerkung wieder aufgegriffen wird. So entsteht ein Abend zwischen Comedy, persönlicher Erzählung und gesellschaftlicher Betrachtung, der mit einem Schlussplädoyer für die Liebe endet.

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