Nach 38 Jahren ist Schluss

Die Griechische Taverne in Münchenstein schliesst zum Jahresende. Ihre Kund- schaft wird sie vermissen.

Mehr Zeit für die Enkelkinder: Evpraxia und Salvatore De Feo freuen sich auf den Ruhestand. Bild: Nicole Nars-Zimmer

Im September weilte Evpraxia De Feo im Ausland, als ihr Mann Salvatore sie anrief – spätabends, was er sonst nie tat. Es musste also eine gewichtige Neuigkeit sein, die er zu verkünden hatte. So war es dann auch: «Ende Jahr ist Schluss. Dann machen wir die Taverne zu.» Evpraxia musste sich erst mal hinsetzen: «Warte bitte, bis wir zu Hause alles in Ruhe besprechen können!» Das taten die beiden. Sie wägten die Argumente ab – für den Weiterbetrieb ihres Restaurants, der Griechischen Taverne an der Hauptstrasse in Münchenstein, aber auch ­dagegen.

Am Ende war für das Ehepaar klar, dass es besser ist, das Lokal zu schliessen. Genug ist genug – und das nach 38 Jahren! Das Restaurant ist eine Institution in Münchenstein und ist immer gut besucht. Nur im ersten Jahr kam wenig Kundschaft, das Lokal war noch nicht bekannt. Dann gab es ein Dorffest in Münchenstein, an dem die Familie De Feo in einem grossen Zelt ihre Spezia­litäten auftischte – und auf einen Schlag änderte sich alles.

Evpraxias Mutter war die Seele der Küche

Die Taverne wurde zur Erfolgsgeschichte und blieb auf Schweizer Seite lange das einzige Lokal in der Region, das mit Speisen aus Hellas die Gäste in Scharen anzulocken vermochte. Andere griechische Restaurants mussten kurze Zeit nach ihrer Eröffnung wieder dichtmachen. Blieb noch die Konkurrenz in Deutschland: Dort gibt es zahlreiche griechische Lokale, und man zahlt erst noch nur die Hälfte.

Die Kinder und der Bruder helfen regelmässig aus

«Du musst etwas anbieten, das den Unterschied ausmacht, damit die Leute zu dir kommen», sagt Salvatore. Bei ihnen sei es die Gastfreundschaft, die ihm als Italiener im Blut liege. «Genauso wichtig war aber auch das Essen, das bei uns immer frisch und authentisch war.» Während vieler Jahre war Evpraxias Mutter Irini die Seele der Küche. Sie kochte mit Herz und mit Gewürzen, wie man sie nur in Griechenland findet. «Bei ihr gab es kein Maggi und keine Geschmacksverstärker», erinnert sich Evpraxia, «die hatte sie mit ihrer Hausmannskost nicht nötig.» Leider starb sie vor einem Jahr. «Sie hat mir aber ein Kochbuch zu­rückgelassen, sozusagen die Bibel der griechischen Küche.» Evpraxia selber machte das Wirtepatent zu einer Zeit, als dieses noch mit grossem Aufwand verbunden war: «Ich wurde ins kalte Wasser geschmissen.» Auf der griechischen Insel Lesbos geboren, kam sie als Kind in die Schweiz und liess sich zur Kleinkind­erzieherin ausbilden. Eines Abends besuchte sie mit einer Freundin eine Disco in Grenzach-Wyhlen und lernte dort Salvatore kennen – der Anfang einer grossartigen Geschichte, aus der drei Kinder entsprangen.

Auch sie halfen und helfen im Betrieb neben ihren Hauptjobs aus. Genauso wie Evpraxias Bruder, der für den Schlussspurt in der Taverne extra aus Bulgarien angereist kam. Oder die Brüder von Salvatore, die ebenfalls immer wieder einsprangen. «Ohne Familie hätten wir das nie so durchziehen können», sagt der Gastgeber. Aber auf Dauer konnte es nicht so weitergehen. Corona verschärfte die Situation zusätzlich. «Keine Ahnung, warum, aber seitdem rennen uns die Leute die Bude ein.» Drinnen kämen in den verschiedenen Räumlichkeiten bis zu 100 Personen zusammen, draussen im Garten sogar 120 Gäste. Das habe sie an die Leistungsgrenze gebracht.

Stammgäste verabschieden sich mit Gedicht

«Neues Personal zu finden, ist schwierig», sagt Salvatore. «Was am Fachkräftemangel in der Gastronomie liegen mag, vielleicht aber auch daran, dass ich hohe Ansprüche habe.» Evpraxia ergänzt, dass die Einsatzbereitschaft viel höher sei, wenn man für den eigenen Betrieb arbeite. Eigentlich ist sie schon seit zwei Jahren pensioniert, hilft aber oft in der Küche aus. Heute ist sie froh, dass nach Silvester Schluss ist, damit sie mehr Zeit für ihre drei Enkelkinder hat: «Grossmama zu sein, ist der schönste Job.» Auch Salvatore freut sich auf die Grosskinder, aufs Tennisspielen, Skifahren, aber auch darauf, «endlich in Ruhe mit Freunden Zeit zu verbringen». Das Restaurant in ihrem Haus wird nicht weitervermietet, sondern zu einer Wohnung umgebaut. «Es ist besser, da einen klaren Schnitt zu machen», findet Salvatore, der in diesen letzten Tagen der Taverne schon die eine oder andere Träne verdrückt hat.

So wie beim Abschied von einer treuen Familie aus Arlesheim, die von Anfang an im Lokal einkehrte. Sie widmete den beiden Gastgebern ein Gedicht. Darin heisst es auch: «Dä Alass isch zwar z  beduure / s  isch nid us Froid, nai, s  isch zum Truure / denn was mir s  letscht Mool do tüen ässe / wird Grooss ung Glai nie mee vergässe.»

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