Müssen Kinder zu früh in die Schule?
Miriam Locher (SP) will, dass Kinder wieder später eingeschult werden. Damit soll auch die Chancengleichheit für Kinder steigen.

Der Schuleintritt bringt erhebliche Anforderungen an die Kinder mit sich. Sie sollen gemäss Lehrplan bis zu 20 Minuten am Stück, still sitzen, zuhören oder zuschauen können; ausserdem sei das Ziel, dass sie ihren Schulweg selbstständig bewältigen können – und das gerade einmal mit vier Jahren. Denn mit der Einführung von HarmoS wurde der Stichtag für den Schuleintritt – also für den Beginn des Kindergartens – seit 2012 von Ende April auf Ende Juli verschoben. Das bedeutet, dass alle Kinder, die bis zum 31. Juli vier Jahre alt werden, im August in das Schulsystem eintreten und teilweise mit vier Jahren und nur wenigen Tagen ihren ersten Kindergartentag haben.
Leider zeige sich, dass das deutlich zu früh sei, sagt Landrätin Miriam Locher (SP) aus Münchenstein. Sie hat vergangene Woche im Landrat eine entsprechende Motion eingereicht. Die Sozialdemokratin unterrichtet seit 20 Jahren im Kindergarten und ist in der Stufenkommission Zyklus 1 die Delegierte aus Baselland im Lehrer- und Lehrerinnenverein Schweiz. Diese Kommission befasst sich mit allem, was den ersten Zyklus betrifft, und sorgt für einen Austausch und eine Vernetzung zwischen den Kantonen. Locher fordert vom Regierungsrat, sich im Rahmen der Eidgenössischen Erziehungsdirektorenkonferenz (EDK) dafür einzusetzen, dass der Stichtag für den Eintritt in den Kindergarten in den HarmoS-Kantonen auf Ende April vorverlegt wird. So, wie es bereits vor 2012 üblich war.
Eltern lassen ihre Kinderspäter einschulen
Die frühe Einschulung bringe mehrere Nachteile mit sich, die Locher in ihrem Berufsalltag erlebt. Gerade im Vorschulalter würden wenige Monate einen erheblichen Entwicklungsunterschied ausmachen, insbesondere in den Bereichen Sprache, Konzentration und soziale Reife. Viele Kinder, die den aktuellen Stichtag nur knapp erfüllen, seien zwar schulpflichtig, jedoch noch nicht ausreichend bereit für die Einschulung. «Das erhöht das Risiko von Überforderung», sagt Locher. Und sie ergänzt: «Ein zu früher Schuleintritt kann sich langfristig negativ auf die Schullaufbahn auswirken, da jüngere Kinder zwar altersgemäss entwickelt, aber mit den Anforderungen oft zu stark gefordert sind und so häufiger als leistungsschwach eingeschätzt werden und vermehrt Fördermassnahmen benötigen.»
In der Praxis zeige sich auch, dass die Zahl der Rückstellungen, insbesondere bei Kindern mit Geburtstagen zwischen Mai und Juli, seit 2012 deutlich gestiegen ist. Das geht aus den Antworten des Kantons zu einer Interpellation von Locher zum gleichen Thema hervor. Im Kanton Baselland können Kinder auf Wunsch der Eltern später eingeschult werden. «Ein Schritt, welcher für Eltern mit weniger Zugang zu Informationen und aus einem anderen sozioökonomischen Umfeld leider nicht möglich ist», sagt Locher. Eine spätere Einschulung würde also auch die Chancengerechtigkeit stärken. Viele Kantone der Ost- und Zentralschweiz, die dem HarmoS-Konkordat nicht angehören, hätten aus diesen Erkenntnissen Konsequenzen gezogen und die tiefere Altersgrenze für die Einschulung in den letzten Jahren wieder angehoben, schreibt Locher in ihrer Motion. In Nidwalden beispielsweise läge der Stichtag beim 1. März.
Dass die Kinder dann zu spät gefördert würden, glaubt die Sozialdemokratin nicht. Im Kanton Baselland gäbe es neuerdings das Gesetz zur frühen Sprachförderung. «Für dieses habe ich mich auch sehr stark eingesetzt», sagt Locher. Es ermögliche die systematische Erfassung von Kindern, welche vor dem Eintritt in den Kindergarten Förderbedarf haben. So werden die jüngeren Kinder gleichwohl schon vor dem Kindergarten ihrem Alter entsprechend gefördert, kommen besser vorbereitet im Kindergarten an und haben somit einen einfacheren Start in ihre Schullaufbahn.
Locher will keinenkantonalen Alleingang
Da sich alle HarmoS-Kantone verpflichtet haben, den Stichtag für den Schuleintritt auf Ende Juli festzulegen, käme ein kantonaler Alleingang faktisch einem Austritt aus dem HarmoS-Konkordat gleich. Das möchte Locher vermeiden. «Vielmehr ist es notwendig, das Anliegen einer Stichtagsverschiebung im Rahmen der interkantonalen Zusammenarbeit aufzugreifen», sagt die Münchensteinerin. Glücklicherweise gebe es ähnliche Bestrebungen in anderen Kantonen. Der Regierungsrat solle sich für einen gemeinsamen Weg starkmachen und, erst wenn das nicht klappe, eine eigene Strategie ergreifen. «Baselland ist auch schon in anderen Bereichen einen eigenen Weg gegangen. Zum Wohle der Kinder finde ich das vertretbar», sagt Locher.


