«Jesus war Kommunist»

Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik erläuterte im reformierten Kirchgemeindehaus, wie die Bibel als Quelle der Menschheitsgeschichte ganz neu gelesen werden kann.

Die Bibel neu gelesen: Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik.  Foto: Fabia Maieroni
Die Bibel neu gelesen: Der Evolutionsbiologe Carel van Schaik. Foto: Fabia Maieroni

Was geschieht, wenn ein Evolutionsbiologe und Agnostiker von der Bibel erzählt? Die Reformierte Kirche, die Römisch-katholische Pfarrei St. Franz Xaver und die Fachstelle für Genderfragen und Erwachsenenbildung der ERK Baselland wollten dies in einem Gespräch mit Carel van Schaik, emeritierter Professor für evolutionäre Anthropologie, herausfinden. «Eine ganze Ladung Kirche lädt heute einen Agnostiker ein», lachte Pfarrer Markus Perrenoud, der mit Pfarrerin Judith Borter durch den Mittwochabend der vergangenen führte. Im Zentrum des Gesprächs stand das von Carel van Schaik und dem Historiker Kai Michel herausgegebene Buch «Das Tagebuch der Menschheit».

Nach einer kurzen Einführung über Menschenaffen – Carel van Schaik forschte 40 Jahre in den Urwäldern Indonesiens zum Verhalten von Orang-Utans – erzählte der Anthropologe von seinen Entdeckungen in den biblischen Texten. Der Menschenforscher stellte bei der Lektüre fest: Die Bibel versucht Erklärungen für Katastrophen zu finden, die die Menschen früher noch nicht begreifen konnten. «In der Bibel wird das schwierige Sesshaftwerden verarbeitet», diagnostizierte van Schaik. Denn, so lautet seine These, in der Phase als Jäger und Sammler seien die Menschen noch mit deutlich weniger körperlichen Qualen konfrontiert gewesen. Erst mit dem Beginn der Landwirtschaft und der Sesshaftigkeit konnten sich Krankheiten besser ausbreiten, der Boden wurde übernutzt und der Mensch wurde in der Folge von allerlei Gebrechen geplagt. «Die Erklärung für die menschlichen Leiden findet man in der Bibel mit einem strafenden Gott, besonders im Alten Testament», erklärte van Schaik. Im Neuen Testament veränderte sich die Auffassung, wie sich eben auch die Kultur der Menschen veränderte, und der strafende Gott wurde zu einem vergebenden Herrn, der auf Erden in Jesus verkörpert wurde. Und spätestens ab da wurde der Abend politisch, denn van Schaik postulierte: «Jesus war eigentlich ein Jäger und Sammler 2.0. Er stand für Werte wie Vergebung, Versöhnung und das Teilen von Ressourcen ein und lebte in einer nomadischen Gruppe. Ja, er war Kommunist!» Pfarrer Markus Perrenoud schmunzelte und fragte, ob denn die ganze Bibel politisch links sei. Die Antwort blieb vage – soziale Werte seien aber bereits im Alten Testament wichtige Eckpfeiler gewesen, so van Schaik.

Quo vadis, Menschheit?

Charmant erläuterte der Evolutionsbiologe seine Thesen während des Gesprächs weiter – immer bereit, auch kritische Fragen souverän zu beantworten. Die Resonanzen aus dem Publikum waren am Ende sehr positiv. «Manchmal hat es mir zwar etwas weh getan, was er alles so über Jesus schreibt», erinnerte sich eine Dame aus dem Publikum, die das Buch bereits gelesen hatte. Dennoch, es sei sehr gut geschrieben und gehöre auf alle Fälle in jede Bibliothek.

Wie sich die Menschheit entwickeln wird, das wisse auch er nicht, lachte van Schaik zum Schluss der Veranstaltung. Aber eine Tendenz war in all seinen Antworten erkennbar: Es brauche mehr «Miteinander», mehr «Wir-Gefühl» und mehr soziale Werte. Er gab den beiden Pfarrern schliesslich noch einen persönlichen Wunsch mit auf den Heimweg: «Ihr kriegt die Kirchen nicht mehr voll, weil nicht mehr so viele Menschen an Gott glauben. Aber ihr könnt die christlichen Werte in der Welt verbreiten und sie damit besser machen.»

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