Mit Kunst die Sinne schärfen
Mit einer Gruppenausstellung mit dem Titel «Sinnesumschmeichelungen» und Audiolandschaften von Yanik Soland zeigt das Kunsthaus Baselland, wie sinnlich Gegenwartskunst sein kann.
Tiefe Bass-Akkorde und schrille Pfeiftöne empfangen einen, wenn man das Kunsthaus Baselland betritt. Es sind «Sinnesumschmeichelungen» am vorerst falschen Ort. Denn mit der Gruppenausstellung gleichen Namens im Erdgeschoss des Ausstellungshauses im Dreispitz haben die Klänge eigentlich nichts zu tun. Das Kunsthaus präsentiert zwei getrennte Ausstellungen, die aber ganz gut zusammenpassen, wie Direktorin Ines Goldbach sagt.
Also lässt man sich vom Sound erst einmal ins obere Geschoss locken. Dorthin, wo der junge Basler Sound- und Bildkünstler Yanik Soland zum «Walking on Rubber Eggshells» («Gang auf gummigen Eierschalen») führt. Dieser Gang führt durch einen atmenden Tunnel aus mit Luft gefüllten Elementen, aus denen am Boden wie eine Zunge eine halbrunde tiefrote Luftmatratze herausragt. «Ja, man kann sich drauflegen», sagt der Künstler. Und sich den Atembewegungen der Installation und den Vibrationen des kräftigen Soundteppichs hingeben.
Soland ist ausgebildeter bildender Künstler, Musiker und Komponist. In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung kann er sich auf der Schnittstelle von bildender Kunst, Komposition, Improvisation und Performance ausleben. Und er tut dies mit spielerischem Vergnügen. Für den Soundteppich der atmenden Höhle hat Soland für sein neues Album zusammengesetzte Klangexperimente wieder auseinandergenommen und für die Ausstellung asynchron neu zusammengefügt, wie er sagt.
Hören, schauen, interagieren und verweilen
Geht man weiter durchs Obergeschoss, gelangt man zu selbst gebauten Instrumenten, auf denen sich elektrisch verstärkte Saiten über Sandkästen anklingen lassen. Eines davon ist direkt in die Architektur des Kunsthauses verwoben, indem die Saiten durch eine bestehende Wand gezogen wurden. Das zweite Instrument ist eine künstlerische Vergrösserung und Veredelung eines spielerischen Experiments, für das Soland einst über Wäscheklammern gespannte Gummibänder zum Erklingen brachte. Die Ausstellungsbesuchenden sind eingeladen, die Saiten selber anzustimmen. Oder dem Künstler bei einem der Performance-Abende, die er mit weiteren Musikerinnen und Musikern bestreitet, beizuwohnen.
Solands Klanglandschaften laden zum Hören, Schauen, Interagieren und somit zum Verweilen ein. Das ist auch die Zielvorstellung der Gruppenausstellung im Erdgeschoss, die den aparten Titel «Sinnesumschmeichelungen» trägt. Das Kunsthaus lässt hier in Kooperation mit der bedeutenden Gegenwartskunstsammlung «la Caixa» Foundation in Barcelona Werke von Basler Künstlerinnen und Künstlern auf internationale Arbeiten aus der spanischen Sammlung zu einem «Dialog» treffen, wie es heisst.
Aber eigentlich trifft der Begriff «Dialog» nicht ganz zu, ist es doch eher ein Gegenüber von Werken, die alle erst einmal für sich selber stehen und die Sinne betören oder «die Sinne schärfen» sollen, wie Kunsthaus-Direktorin Ines Goldbach sagt. Das gelingt bei einigen Werken ganz unmittelbar, bei anderen ist mehr Anlauf- oder Eintauchzeit notwendig.
«Schau, ich bin blind, schau.»
Der schweizerisch-spanische Künstler Giacomo Santiago Rogado hat dieses Eintauchen bereits in seinem Werktitel vorgegeben: «Growing Together through Emotions over Time» («Im Laufe der Zeit durch gemeinsame Emotionen zusammenwachsen»). Zuerst sieht man sich der abweisenden Aussenwand einer Box gegenüber, die er in den Raum gestellt hat. In der Box dann wird man von grossen Farbklecksen eingelullt. Sie wirken so, als wären die Wände und die Decke der Box mit riesigen Paintball-Geschossen bombardiert worden.
Im selben Raum trifft eine der charakteristischen Stoff- beziehungsweise Strumpfskulpturen des bekannten brasilianischen Künstlers Ernesto Neto auf einen Wandteppich der Baslerin Maya Rikli. Im ersten Moment erinnert ihr Werk mit dem Titel «Sonido» an ein vertikal in die länge gezogenes Rothko-Gemälde in Erdtönen. Beim näheren Hinschauen offenbart sich dann, dass Rikli in minutiöser Arbeit Trockenpflanzen zu diesem Gemälde arrangiert hat. «Der heisse und trockene Sommer kam mir dabei sehr entgegen», sagt sie.
Das Prinzip des Sehens, Eintauchens und Empfindens zieht sich durch die ganze Ausstellung. Sinnbildlich für die Schau stehen drei der typischen Schriftbilder des bekannten Basler Künstlers Rémy Zaugg: «Schau, ich bin blind, schau.», heisst es in grellen Schriftfarben, die auf unterschiedliche Art mit den monochromen Hintergründen kontrastieren.
«Sinnesumschmeichelungen» und «Walking on Rubber Eggshells» bis 4. März 2027 bzw. 15. November 2026 im Kunsthaus Baselland. www.kunsthausbaselland.ch






