«Es ist der schönste Beruf der Welt»

Jean-Paul Brodbeck wurde kürzlich mit dem Spartenpreis für Musik des Kantons Baselland ausgezeichnet. Im Gespräch blickt der passionierte Pianist auf seine Wurzeln in Münchenstein zurück und spricht über sein neuestes Projekt.

Verspielt und neugierig: der Jazzmusiker Jean-Paul Brodbeck. Foto: Tobias Stahel
Verspielt und neugierig: der Jazzmusiker Jean-Paul Brodbeck. Foto: Tobias Stahel

Auch wenn sich Jean-Paul Brodbeck als Kind vor allem für Sport interessierte, so hat ihn die Musik schon früh begleitet. Seine Mutter, eine Schauspielerin, war leidenschaftliche Klavierspielerin und spielte zu Hause Chopin, Bach und Mozart. Allerdings lag es ihr fern, ihre Kinder zur Musik zu drängen. «So konnte ich die Liebe zur Musik selbst entdecken», reflektiert der Pianist.

Als Brodbeck zehn Jahre alt war, gründete sein älterer Bruder eine Band, die einen Pianisten brauchte. Brodbeck willigte ein, und es klickte sofort. Die Mutter brachte ihm die Grundlagen bei, und bald lernte er Noten lesen. Später nahm er Unterricht an der Musikschule Münchenstein, wo er erst klassische Musik lernte. «Mit zwölf wusste ich, dass ich Profimusiker werden wollte», erinnert er sich.

Mit vierzehn entdeckte er den Jazz für sich. «Jazz zeichnet sich dadurch aus, dass es ein Musikstil ist, der alle Stile adaptieren kann.» Diese spielerische Qualität übte einen grossen Reiz auf den Teenager aus, einen Reiz, den dieser Musikstil für ihn bis heute nicht verloren hat. «Ab dann waren mir Klassik und Jazz gleich wichtig», erinnert sich Brodbeck. Dabei versucht er beide Stile auf natürliche Art zu vereinen.

Schon bald kam das erste grosse Erfolgserlebnis: Sein damaliger Musiklehrer Jean-Claude Forestier aus Arlesheim war mit Jazz-Legende Lionel Hampton befreundet und empfing diesen jedes Jahr. Bei einem dieser Besuche bat Hampton den damals fünfzehnjährigen Brodbeck auf die Bühne, und so durfte der angehende Musiker mit einer lebenden Legende auf der Bühne performen.

Getrieben von Entdeckerlust, schloss Brodbeck sich später auch einer ­Funk-Band an. Bald darauf fand er sich auf Tour mit den Basler Hip-Hop-Pionieren P-27 wieder. «Wir tourten durch die Schweiz und hatten jedes Wochenende ein bis zwei Gigs.» Der Musiker war fasziniert von diesem Genre. Besonders beeindruckte ihn, wie kreativ und spielerisch verschiedene Musikstile vereint werden.

Ein Atelier an der Lower East Side

Im Jahr 2011 erhielt er ein Stipendium der Stadt Zürich, das ihm und anderen Musikern einen Aufenthalt in einem ­Atelier an der Lower East Side in New York ermöglichte. «Ich liebe New York», schwärmt der Pianist. «Man kann sich der Stadt vollkommen hingeben. Sie hat so viel Geschichte. Wie viel Musik wurde dort geschaffen?» Die Zeit in den USA nutzte der Künstler produktiv, knüpfte Kontakte, nahm ein Album auf und komponierte. «New York verleiht einem unglaubliche Energie und lässt einen darüber nachdenken, was Jazz wirklich ist. Es gibt so viele unglaublich talentierte Musiker, und man kann schnell aufhören zu glauben, man wäre gut – es gibt immer jemanden, der es besser kann.» Diese Demut sei jedoch wichtig, denn nur so könne man Musik wirklich lernen. «Ich sage meinen Studierenden immer: ‹Ihr müsst mit besseren und erfahreneren Musikern spielen!›», erklärt Brodbeck, der auch an der Hochschule Luzern unterrichtet.

The Chopin Project

Folglich arbeitet er auch in seiner neuesten Formation «The Chopin Project» ausschliesslich mit Weltklassemusikern zusammen. Es handelt sich um ein Jazz-Quartett mit Brodbeck am Klavier, Kurt Rosenwinkel an der Gitarre, Jorge Rossy am Schlagzeug und Lukas Traxel am Bass. Die Formation spielt Werke von Chopin, die ursprünglich nur für das ­Klavier geschrieben wurden. Brodbeck hat die Musik entsprechend angepasst. Es gehe ihm aber keineswegs darum, Chopin zu verbessern oder zu überarbeiten, denn «bei Chopin ist jede Note vollendet. Deshalb habe ich ihn genommen und etwas Neues daraus gemacht.»

Mit dieser neuen Formation reiste er vor kurzem durch Asien und spielte in prestigeträchtigen Locations wie dem «Blue Note» in Tokio. «Mit der Zeit siehst du immer mehr das grosse Ganze. Diesen Überblick hat man mit zwanzig einfach noch nicht. Die Erfahrung, die ich auf dieser Tournee gemacht habe, kann man in keiner Schule lernen», sagt der leidenschaftliche Musiker.

In Zukunft will Brodbeck in derselben Formation noch ein weiteres Album veröffentlichen und weitere Konzerte spielen. Die Frage, ob er sich vorstellen könnte, einer anderen Arbeit nachzugehen, verneint er: «Es ist der schönste Beruf der Welt.»

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