Das Gedächtnis Münchensteins

Rund 15 Jahre hat Felix Brodbeck das Fotoarchiv der Bürgergemeinde Münchenstein betreut. Am kommenden Donnerstag präsentiert er seinen letzten «Münchensteiner Bilderbogen».

Der Herr der Bilder : Auch in seinem Zuhause zeigt sich Felix Brodbecks Leidenschaft für Bilder und Geschichte. Foto: Mirjam Sinniger

Der Herr der Bilder : Auch in seinem Zuhause zeigt sich Felix Brodbecks Leidenschaft für Bilder und Geschichte. Foto: Mirjam Sinniger

Hoher Besuch: Personen der Weltgeschichte sind ebenfalls im Fotoarchiv zu sehen. Hier besucht die Queen die Grün 80. Foto: Bürgergemeinde Münchenstein

Hoher Besuch: Personen der Weltgeschichte sind ebenfalls im Fotoarchiv zu sehen. Hier besucht die Queen die Grün 80. Foto: Bürgergemeinde Münchenstein

Zeitzeugnis: Die Postkarte des Münchensteiner Dorfplatzes im Jahr 1920 gehört zu den Lieblingsbildern von Felix Brodbeck. Foto: Bürgergemeinde Münchenstein

Zeitzeugnis: Die Postkarte des Münchensteiner Dorfplatzes im Jahr 1920 gehört zu den Lieblingsbildern von Felix Brodbeck. Foto: Bürgergemeinde Münchenstein

Eine Polizeimeldung vom letzten Juni, ein Bild der Queen in der Grün 80, eine Liste aller Gemeinderäte seit 1939 – im Fotoarchiv der Münchensteiner Bürgergemeinde findet sich allerlei. Über 18 000 Bilder, fein säuberlich sortiert, beschriftet und mit Querverweisen versehen, umfasst die Sammlung. Herr über dieses digitale Gedächtnis Münchensteins ist Felix Brodbeck, der das Archiv seit rund 15 Jahren betreut.

Aktiv in der Bürgergemeinde war er schon davor, amtete als Bürgerrat, war in der Kulturkommission und präsidierte die Bürgergemeinde für mehrere Jahre. Aber erst nach der Pensionierung fand er die Zeit, um sich mit jener Akribie dem Fotoarchiv zu widmen, die dieses so besonders macht: «Es braucht Herzblut», sagt Brodbeck über seine Arbeit. Er brachte sich im Selbststudium das technische Know-how bei, kümmerte sich darum, dass neues Bildmaterial hinzukommt. Wo nicht bekannt, machte er sich auf die Suche nach den Geschichten hinter den Bildern, führte Gespräche mit Zeitzeugen. Sein enormes Wissen über Münchenstein und seine vielen Kontakte halfen ihm dabei, die Dokumente nicht nur zusammenzutragen, sondern sie auch zu einem stimmigen Ganzen zusammenzuflechten. Entstanden ist ein Panorama der Münchensteiner Geschichte, das allen offensteht. Im digitalen Archiv kann man ganz systematisch suchen oder man lässt sich von dem Bilderreigen einfach treiben.

Von A wie Abschrift bis Z wie Zivilschutz

Der «Münchensteiner Bilderbogen», also die jährlichen Präsentationen des Archivmaterials, bot Brodbeck jeweils die Gelegenheit, sein Wissen persönlich zu teilen. Der Anlass wurde zu einem beliebten Fixpunkt im Münchensteiner Kulturleben. Die abgelichteten Momentaufnahmen sind für den Archivar der Zugang zur Geschichte Münchensteins, der Ausgangspunkt, um von der Gemeinde zu erzählen. Wieso zum Beispiel hat Münchenstein eine Tramhaltestelle mit dem verheissungs­vollen Namen «Neue Welt»? «Dort waren die ersten Fabriken angesiedelt, die erste ­Hammerschmiede und ein Drahtzug. Die Elektra Birseck betrieb dort unten als erste ­ein Kleinkraftwerk, das die neuen Fabriken  und die 1902 in Betrieb genommene Birseckbahn mit Strom versorgte.»

Regelmässig setzte Brodbeck in seinen Präsentationen thematische Schwerpunkte. Für seine letzte Veranstaltung hat er das Archiv nochmals von A wie Abschrift Familienchronik bis Z wie Zivilschutz geöffnet. «Zu jedem Thema werde ich ein bis zwei Bilder zeigen», verrät Brodbeck. Welche Bilder konkret am kommenden Donnerstag zu sehen sein werden, weiss er selbst noch nicht: «Ich brauche immer etwas zeitlichen Druck bei den Vorbereitungen», gesteht er schmunzelnd. Und wie wird es danach mit dem Archiv weitergehen? «Die Suche nach einem Nachfolger hat sich als schwierig erwiesen. Noch ist nichts definitiv, aber es sieht inzwischen gut aus.»

Zeit, Sorgfalt und Leidenschaft

Dass es schwierig werden dürfte, ihn zu ersetzen, dessen ist sich auch die Bürgergemeinde bewusst. Die Wertschätzung für die Arbeit von Brodbeck ist dort gross: «Felix Brodbeck hat nicht nur das Archiv betreut und Fotos gezeigt, er hat auch sein ganzes Wissen reingegeben. Jemanden zu finden, der Münchenstein und seine Geschichte so gut kennt, wird nicht einfach», sagt Therese Mathys, Präsidentin der Kulturkommission.

Felix Brodbeck hat viel Zeit, Sorgfalt und Leidenschaft in das Archiv investiert und sass auch schon mal bis um 2  Uhr nachts am Schreibtisch, bis alles passte. Trotzdem geht er mit klarem Blick nach vorne: «Ich finde, man soll gehen, wenn man es noch gerne macht, und alle paar Jahre etwas Neues beginnen», lacht er. Er selbst wird sich nun vermehrt seinem privaten Archiv widmen, dass er dereinst auch der Bürgergemeinde vermachen wird.

Obwohl er das Archiv in den letzten Jahren massgeblich prägte, legt er Wert darauf zu betonen, dass es nicht «sein Archiv» sei: «Es wurde mir nur vorübergehend überlassen.» Vielleicht geht er auch deshalb so entspannt, weil er die letzten 15 Jahre genau für diesen Moment Vorarbeit geleistet hat: Münchensteins Gedächtnis ist reich gefüllt, für alle zugänglich – und offen für Neues.

15. Münchensteiner Bilderbogen: 19. Oktober, 19 Uhr, Restaurant Hofmatt

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