Münchenstein
20.07.2022

Miteinander statt Ausgrenzung

Blick ins Machwerk Kreativ: (v. l.) Claudia Voegelin und Denise Kaufmann. Foto: Thomas Brunnschweiler

Blick ins Machwerk Kreativ: (v. l.) Claudia Voegelin und Denise Kaufmann. Foto: Thomas Brunnschweiler

Seit 2009 ist der Verein für Sozialpsychiatrie Baselland (VSP) auf dem Fabrikareal Walzwerk präsent. Es ist ein idealer Ort, um die Inklusion von psychisch beeinträchtigen Menschen zu realisieren.

Von: Thomas Brunnschweiler

Wenn die gesellschaftliche Inklusion von Menschen mit einer psychischen Be­einträchtigung schon realisiert wäre, bräuchte es den VSP nicht mehr. Diese Menschen werden aus verschiedenen Gründen daran gehindert, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen: Erstens sind psychische Störungen nicht sichtbar, zweitens hat die Gesellschaft noch viele ablehnende Vorurteile, Verhaltens- und Denkmuster. Drittens tut sich in der Schweiz nur sehr wenig, um der UN-Behindertenrechtskonvention gänzlich nachzukommen. In der Bevölkerung ist das Wissen über die verschiedenen Krankheitsbilder kaum ausgebildet. Umso wichtiger sind Institutionen wie der VSP, der 1978 aus der Taufe gehoben wurde.

Vielfältige Angebote

Das Tageszentrum Werkhalle hat auf dem Fabrikareal Walzwerk heute einige Standorte: Das Empfangsbüro mit dem allgemeinen Büro, die Kantine Werkhalle, das Waschwerk, das Machwerk Kreativ sowie das Wyyde-Atelier, die ambulante Wohnbegleitung Münchenstein, die Essensausgabe Lecker-Bissen und das Schrottwerk. Vom allgemeinen Büro betreut werden das Gartenangebot für interne wie externe Aufträge, der Servicebereich, der technische Dienst und die Reinigung. Die ambulante Wohnbegleitung des VSP vermietet auch Wohnungen und bietet eine wöchentliche Betreuung von zwei bis acht Stunden an. Geradezu unfassbar gross ist die Leistungsfähigkeit des zertifizierten Elektroschrottrecy­clings: 900 Tonnen pro Jahr.

Enttabuisierung als Ziel

Die Bereichsleiterin Claudia Voegelin, die zusammen mit der Kommunikations­beauftragten Denise Kaufmann durchs Areal führt, sagt: «Es ist ein Riesengewinn, dass Menschen mit psychischer Beeinträchtigung auf einem vielfältig genutzten Areal dieses Miteinander erfahren. Dies erzeugt eine natürliche Akzeptanz in einem ebenso natürlichen Begegnungsraum. Unsere Nutzerinnen und Nutzer können an Entwicklungen teilhaben. Wir geniessen hier auch Aufmerksamkeit, und es kommt zu niederschwelligen Kontakten. Das bunte Miteinander verhindert eine exklusive Ghettoisierung.» Der VSP vermietet auch Räumlichkeiten. «Wir arbeiten auch mit dem Kinderferienpass zusammen. Die Kinder werden von Mitarbeitenden angeleitet.» Welche Rolle spielt das Tageszentrum für die Enttabuisierung psychischer Störungen? «Ganz vermeiden lässt sich die Tabuisierung nicht, da es auch bei uns Hierarchien gibt. Doch besteht kein offensichtliches Machtgefälle», erklärt Claudia Voegelin. «Wichtig ist trotzdem, immer wieder auf das Problem der Mitbestimmung zu schauen.» Es gibt Mietende, Bewohnerinnen, Mitarbeitende, Künstlerinnen und Teilnehmende. «Wir stehen aber nicht in einem klinischen Kontext», sagt Voegelin, «sondern sind die Schnittstelle zur Gesellschaft.»

Politik ist stärker gefordert

In Münchenstein ist das Tageszentrum Werkhalle das Gesicht des VSP. «In der Coronazeit hielten wir alle Bereiche offen», betont Claudia Voegelin, «das war für unsere Nutzenden ganz wichtig. Es gab ihnen eine Tagesstruktur und eine sinnvolle Beschäftigung.» Im Arbeitsbereich sind rund 250 Menschen zwischen 18 und über 65 Jahren tätig. Es gibt keine Stufenprogramme und keine Mindestpensen. Alle Nutzenden an einem Arbeitsplatz stehen in einem Anstellungsverhältnis mit Vertrag. Gefragt, was die Politik besser machen könnte, antwortet Claudia Voegelin: «Psychische Beeinträchtigung hat keine Lobby, weil sie ­unsichtbar ist. Wir müssen Lobbyarbeit betreiben und immer wieder stark für die Inklusion der Betroffenen einstehen.»

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