Münchenstein
18.05.2022

Traue deinen Augen nicht

Dystopisches Miami: Besucher schauen sich das Werk «The Sky Is on Fire» während der Vernissage der Ausstellung «Seeing ist Revealing» im Haus der elektronischen Künste an. Foto: zVg/Moritz Schermbach
Bildschirme ohne Bildträger: Die durch künstliche Intelligenz erzeugten Videoclips werden von einer schwarzen Platte auf dem Boden reflektiert. Foto: Jeannette Weingartner

Dystopisches Miami: Besucher schauen sich das Werk «The Sky Is on Fire» während der Vernissage der Ausstellung «Seeing ist Revealing» im Haus der elektronischen Künste an. Foto: zVg/Moritz Schermbach

Dystopisches Miami: Besucher schauen sich das Werk «The Sky Is on Fire» während der Vernissage der Ausstellung «Seeing ist Revealing» im Haus der elektronischen Künste an. Foto: zVg/Moritz Schermbach
Bildschirme ohne Bildträger: Die durch künstliche Intelligenz erzeugten Videoclips werden von einer schwarzen Platte auf dem Boden reflektiert. Foto: Jeannette Weingartner

Bildschirme ohne Bildträger: Die durch künstliche Intelligenz erzeugten Videoclips werden von einer schwarzen Platte auf dem Boden reflektiert. Foto: Jeannette Weingartner

Am Freitag fand die Vernissage zur Ausstellung «Seeing is Revealing» im Haus der elektronischen Künste statt. Der Künstler Emmanuel Van der Auwera hat eigens dafür drei neue Werke geschaffen.

Von: Jeannette Weingartner

Eine dystopische Welt, die an ein älteres Computerspiel erinnert, projiziert auf drei riesigen LED-Panels: Im ersten Ausstellungsraum vom Haus der elektronischen Künste (HEK) werden die Besucherinnen und Besucher mit bunten Bildern geflutet, die nach einer Schiesserei in Miami aufgenommen wurden. Und genau darum geht es in der Ausstellung: die Unmenge an Bildern im Alltag, die es dem Betrachter nicht mehr möglich machen, zwischen «echt» und «unecht» zu unterscheiden.

Für seine erste Einzelausstellung in der Schweiz hat der belgische Künstler Emmanuel Van der Auwera drei neue Installationen kreiert. Ergänzend dazu sind in «Seeing is Revealing» Werke aus früheren Jahren zu sehen, die einen Einblick in das Schaffen des Konzeptkünstlers geben. Für seine Videoinstallationen greift er auf eigene Aufnahmen, Bilder von Wärmebildkameras und Material aus sozialen Medien zurück. Er experimentiert dabei sowohl mit künstlicher Intelligenz (KI)als auch mit herkömmlichen Videobearbeitungsprogrammen.

Van der Auwera beschäftigt sich in seinen Werken mit gesellschaftlichen Themen und Ereignissen wie Terrorismus, Suizid von Jugendlichen, Überwachung und Kriegstrauma. Die Installation «NSJ» thematisiert die «Black Lives Matter»-Bewegung, die entstanden ist, nachdem ein afroamerikanischer Zivilist von einem US-Polizisten erschossen wurde. Dabei wird das gleiche Video von den Unruhen in den USA parallel auf drei riesige Leinwände projiziert. Doch sie wurden mithilfe von KI unterschiedlich manipuliert: Auf dem ersten Clip verändert sich die Farbe des Bildes je nach Geschwindigkeit der Personen auf dem Video, auf dem zweiten werden die Demonstranten mit Farbflächen unkenntlich gemacht und auf dem dritten werden die Bilder auf Umrisslinien reduziert, was dem Geschehen etwas Comichaftes verleiht.

Künstler seziert Bildschirme

Künstliche Intelligenz ist auch in seinem Werk «Video Sculpture XXV (Archons)» von grosser Bedeutung. Die Handlung basiert auf den futuristischen Erzählungen eines Science-Fiction-Autors. Nicht nur die menschlichen Stimmen sind von KI interpretiert – auch die Bilder sind manipuliert und computergeneriert. Doch wer sich hier das Video anschauen möchte, kann nicht gedankenlos konsumieren: Van der Auwera hat früh damit begonnen, Bildschirme zu manipulieren. Dabei hat er Polarisationsfilter, die das Bild für das Auge sichtbar machen, von Bildschirmen entfernt. Übrig bleibt eine weisse Fläche. Dafür hat er Filter und tiefschwarze, spiegelnde Platten installiert, die neu als Bildträger fungieren. Betrachtende seiner Videoskulpturen müssen sich also an der richtigen Stelle positionieren, um sich die Film-Collagen anschauen zu können.

Passend zu den Themen der Ausstellung sieht man sich selbst im Bildschirm des letzten Werks «Wake Me Up at 4.20». Während sich Nutzer von sozialen Medien zum Suizid zweier Mädchen äussern, ist man gezwungen, sich selbst zu betrachten. Der «Zwang» zur Selbstreflexion soll nicht nur auf der physischen Ebene stattfinden. «Wir sollten uns fragen, wie man mit einem kritischen Blick der Bildflut gegenübertreten kann», sagt Ugo Pecoraio, Verantwortlicher Kommunikation des HEK. Wer sich mit der eigenen Wahrnehmung der Welt ausei­nandersetzen will, ist bei «Seeing ist Re­vealing» – das Sehen als Enthüllen – am richtigen Ort.

«Seeing is Revealing». Emmanuel Van der Auwera. Haus der elektronischen Künste. Freilager-Platz 9. Mittwoch bis Sonntag, 12.00 bis 18.00 Uhr. Bis 7. August. Öffentliche Führung jeweils Sonntag um 15.00 Uhr.