Münchenstein
24.06.2020

Urbaner Wandel: Die schwebenden Pilze laden ein

Scheinnatur trifft auf moderne Architektur: «A band of floating mushrooms» vor dem Helsinki-Gebäude der Architekten Herzog & De Meuron.  Foto: Thomas Brunnschweiler

Scheinnatur trifft auf moderne Architektur: «A band of floating mushrooms» vor dem Helsinki-Gebäude der Architekten Herzog & De Meuron. Foto: Thomas Brunnschweiler

Sind Ihnen die Pilze auf dem Dach des Hauses der elektronischen Künste schon mal aufgefallen? Ein genauerer Blick gen Himmel lohnt sich.

Von: Thomas Brunnschweiler

Das Birseck und das Dorneck sind nicht arm an Kunstwerken im öffentlichen Raum. Bei Münchenstein denkt man hier vielleicht zuerst an die Metalltafeln von Martin Raimann an den Einfallsstrassen zur Ortschaft, die sich des Motivs des Mönchs bedienen. Vielleicht sieht man auch die grosse Metallskulptur «Amboss» von Bernhard Luginbühl vor sich, die in der Grün 80 steht und mit ihren 5,4 Metern ein wuchtiges Statement darstellt. Aber nirgends in Münchenstein verdichten sich Kunst und Kultur derzeit stärker als auf dem Freilagerplatz beim Dreispitz. Neben der himmelstürmenden gebrochenen Nadel entdeckt das wache Auge hier eine Gruppe weisser Pilze. «A band of floating mushrooms» heisst die Installation von von Monica Studer und Christoph van den Berg.


«Wucherungen des Zeitalters»
Pilze? Rein biologisch bilden die Pilze neben den Tieren und Pflanzen das dritte grosse Reich der sogenannten eukaryotischen Lebewesen. Merkwürdigerweise sind Pilze näher mit den Tieren verwandt als mit den Pflanzen. Wenn man auf den grossen Freilagerplatz tritt, sieht man auf dem Dach des HeK gleich eine weisse Gruppe schwebender Pilze. Hier verschmelzen Natur und Kunst. So wie Pilze schon in der Natur eine Art Hybride sind, so ist «die Gruppe schwebender Pilze» des bekannten Künstlerduos Monica Studer und Christoph van den Berg ein Hybrid zwischen Natur und Elektronik. Die ineinander verflochtenen Aluminiumpilze stehen als Bild für den urbanen Wandel. Am Stielansatz – wie Mitglieder einer Band – sind die Pilze mit einem Kabel verbunden. Es empfängt Signale von einem PC-Server. Um den lebendigen Strömen von experimentellen Klängen zu lauschen, können im Museum Kopfhörer geliehen werden. Künstliche Klänge erwarten einen. Man geht über den Platz und betrachtet hörend die Pilze.


Einladung ins Laboratorium
Das Werk wurde 2010 installiert und zog 2014 an den neuen Standort des HeK. Die «Neue Zürcher Zeitung» hat die Kunstinstallation «Wucherungen des digitalen Zeitalters» genannt. Die Pilze auf dem HeK verbergen tatsächlich nicht ihre Herkunft «aus dem virtuellen Laboratorium». Sie verweigern sich dem Realismus der natürlichen Form, wirken kantig, fast kubistisch und wie vorlagengetreue dreidimensionale Ausdrucke von Computergrafik. Es lohnt sich, dieses nahegelegene Kunstwerk beim nächsten Spaziergang einmal genauer zu betrachte.