Dornach
22.01.2020

Die ungehorsame Rebellin

Dramatisch: Kreon (Ernst C. Sigrist), der die Alleinherrschaft an sich gerissen hat, beugt sich drohend über Antigone (Miriam Joya Strübel), daneben Ismene (Antonia Scharl). Foto: Joel Schweizer / zVg

Dramatisch: Kreon (Ernst C. Sigrist), der die Alleinherrschaft an sich gerissen hat, beugt sich drohend über Antigone (Miriam Joya Strübel), daneben Ismene (Antonia Scharl). Foto: Joel Schweizer / zVg

Am Samstag fand bei neuestheater.ch die Premiere der «Antigone» von Sophokles statt. Dass ein fast 2500 Jahre altes Stück das Publikum heute noch zu fesseln vermag, liegt an der Inszenierung von Deborah Epstein.

Von: Thomas Brunnschweiler

Schon das Motiv auf dem Plakat, ein von einem Paragrafenzeichen durchstossenes Herz, macht klar, worum es geht: den unauflöslichen, tragischen Widerspruch. Antigone verkörpert den Konflikt zwischen menschlichem Herz und Recht, Neigung und Pflicht, Gewissen und Gehorsam sowie Autonomie und Staatsräson. Es geht im gekürzten Stück auch um die Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau, Alten und Jungen sowie Gesellschaft und Individuum. Antigone ist eine von zwei Töchtern von Ödipus. Ihre Mutter Iokaste, die mit ihrem Sohn unwissentlich die Ehe einging, ist zugleich Mutter und Grossmutter von Antigone sowie die Schwester von Kreon, der nach Ödipus’ Tod in Theben die Alleinherrschaft an sich gerissen hat. König Kreons Sohn Heimon ist mit Antigone verlobt. Nachdem sich Ödipus’ Söhne Eteokles und Polyneikes wegen der Nachfolge ihres Vaters zerstritten haben, kommt es vor den Mauern Thebens zum Showdown. Beide Söhne töten sich gegenseitig, doch Kreon will nur dem treuen Eteokles ein Begräbnis zuteil werden lassen, den rebellischen Polyneikes lässt er auf dem Schlachtfeld liegen, übergibt ihn dem Tierfrass und verunmöglicht so seinen Übertritt ins Totenreich. Er dekretiert unter Androhung der Steinigung ein Begräbnisverbot, gegen das sich Antigone stellt, weil sie Polyneikes liebt wie die anderen Geschwister. Ismene, ihre Schwester, will erst nichts mit einer Bestattung zu tun haben, appelliert an Antigones Vernunft, das Rechtsempfinden und deren Rolle als Frau, die sich Männern unterzuordnen hat. Trotzdem beerdigt Antigone den Bruder im Wissen um das grössere Gesetz des Unterweltgottes Hades. Damit nimmt das Unheil, das über das Haus der Labdakiden verhängt ist, seinen Lauf.


Dicht, frisch und unterhaltsam

Sophokles hat sich in «Antigone» mit dem Gegensatz des ewig gültigen Wertesystems und der kurzlebigen Tagespolitik auseinandergesetzt; insofern ist das Stück hochpolitisch. Die Erzeugung von Jammer und Schrecken soll zur Reinigung des Staatswesens führen. Die Erkenntnis des verblendeten «Patridioten» Kreon wird kongenial im Bühnenbild von Natascha von Steiger gespiegelt. Das Dionysische entlädt sich im Schlagzeug von Daniel Weber. Die Koproduktion von neuestheater.ch und Tobs ist keine anbiedernde Aktualisierung des Stoffs. Dennoch bringt das Top-Ensemble die Tragödie in einer dichten, frischen und unterhaltsamen Aufführung auf die Bühne. Miriam Joya Strübel verkörpert die an Raserei grenzende Radikalität Antigones glänzend. Antonia Scharl spielt Ismene in ihrer inneren Wandlung ebenso glaubwürdig, und Ernst C. Sigrist verleiht Kreon einen dämonischen Charakter. Liliom Lewald spielt Haimon mit emotionaler Hingabe. Die Rolle des Führers des Chors wird nicht umsonst mit einer Frau besetzt: Barbara Grimm verkörpert Besonnenheit und zukunftsweisende Abgeklärtheit. Alvise Lindenberger brilliert in der Rolle des devoten Boten, der als komische Figur in die dialektale Trickkiste greift, mal Kölsch, mal Schwäbisch sprechend. Eine Meisterleistung vollbringt Severin Mauchle als transvestitischer Teiresias, der von Krämpfen geschüttelt Kreon den Tod verkündet. Nico-Alexander Wilhelm ist abwechslungsweise Chormitglied, Knabe oder Magd.


«Vielgestaltig ist das Ungeheure…»

Nicht ohne Grund hat der Philosoph Hegel von «Antigone» als von «einem der allererhabendsten, in jeder Rücksicht vortrefflichsten Kunstwerken aller Zeiten» gesprochen. Die Inszenierung von Epstein ist mehr: tiefer Einblick in die Mechanismen der Macht, Plädoyer für die Demokratie und ihre ethischen Voraussetzungen sowie Stellungnahme für die Gleichberechtigung der Frau. Die Botschaft schien beim lang applaudierenden Publikum angekommen zu sein. Wie heisst es doch in «Antigone»: «Vielgestaltig ist das Ungeheure, und nichts ist ungeheurer als der Mensch.» 

Antigone, neuestheater.ch, Dornach; 30. Januar, 4., 7. und 9. Februar; Werkeinführung jeweils 30 Minuten vor Spielbeginn. Die Spielzeiten entnehmen Sie der Wochenblatt-Agenda oder der Website www.neuestheater.ch.