Dornach
14.10.2020

Ein Jahrhundertbau, der polarisierte

Existierte nur zwei Jahre: Der erste Holzbau wurde an Silvester 1922 durch ein Feuer zerstört. Foto: O. Rietmann/Rudolf Steiner Archiv
Bauzeit um 1914: Die sich gegenseitig durchdringenden Kuppeln sind hier gut zu erkennen. Foto: O. Rietmann/Rudolf Steiner Archiv

Existierte nur zwei Jahre: Der erste Holzbau wurde an Silvester 1922 durch ein Feuer zerstört. Foto: O. Rietmann/Rudolf Steiner Archiv

Existierte nur zwei Jahre: Der erste Holzbau wurde an Silvester 1922 durch ein Feuer zerstört. Foto: O. Rietmann/Rudolf Steiner Archiv
Bauzeit um 1914: Die sich gegenseitig durchdringenden Kuppeln sind hier gut zu erkennen. Foto: O. Rietmann/Rudolf Steiner Archiv

Bauzeit um 1914: Die sich gegenseitig durchdringenden Kuppeln sind hier gut zu erkennen. Foto: O. Rietmann/Rudolf Steiner Archiv

1920 wurde der erste Goetheanumbau aus Holz eröffnet. Das monumentale Gebäude machte sich nicht nur Freunde.

Von: Fabia Maieroni

Vor fast genau 100 Jahren – vom 26. September bis zum 16. Oktober 1920 – fand am Goetheanum der erste Hochschulkurs der Anthroposophischen Gesellschaft statt. Damit wurde der Holzbau auf dem Hügel oberhalb Dornachs eröffnet. Oder etwa doch nicht? Rudolf Steiner, Begründer der Anthroposophie, wehrte sich erst gegen den Begriff «Eröffnung», denn der Bau war aufgrund fehlender Finanzmittel noch nicht fertiggestellt. «Da der Beginn des Hochschulkurses dennoch der Moment war, in dem zum ersten Mal über 1000 Menschen den Bau betraten, entschloss er sich, am Vorabend des Kurses zu einem kurzen feierlichen Akt mit Ansprachen, Musik und Eurythmie», erklärt Peter Selg, Leiter des Ita Wegman Insituts, Psychiater und Professor für medizinische Anthropologie und Ethik. «Einen unfertigen Bau wollte Steiner nicht feierlich eröffnen.» Zudem hätten er und seine Mitarbeiter eine eigentliche «Einweihung» des Baus ganz anders gestaltet, sagt Selg, der seit April dem Leitungskollegium der Allgemeinen Anthroposophischen Sektion am Goetheanum angehört.

Der erste Holzbau stand auf einem Unterbau von Beton und wies zwei ungleich grosse Kuppeln auf, die sich gegenseitig durchdrangen. Der Bau thronte hoch über dem Dorf auf dem «Bluthügel», der seinen Namen der äusserst brutalen Schlacht bei Dornach von 1499 zu verdanken hat. Steiner hatte das Gebiet vom Zahnarzt Emil Grosheintz und weiteren Schweizer Freunden für das Bauprojekt zur Verfügung gestellt bekommen, nachdem das Vorhaben, einen «Johannesbau» in München zu bauen, an den örtlichen Behörden zu scheitern drohte. Im März 1913 besuchte Steiner den Ort zum ersten Mal zusammen mit seinem Architekten, und bereits im September 1913 wurde der Grundstein für das erste Goetheanum gelegt.


Skepsis in der Bevölkerung
Nicht alle Anwohner reagierten positiv auf den Zuzug der Anthroposophischen Gesellschaft. Kritik wurde sowohl an der Lehre an sich als auch am Goetheanum geübt. An vorderster Front kämpfte der Arlesheimer Pfarrer Max Kully gegen die Anthroposophen. «Er hielt demagogische Reden und unterstellte Steiner und Ita Wegman – Steiners ärztlicher Mitarbeiterin, die in Arlesheim eine Klinik und ein heilpädagogisches Heim leitete – Motive, die völlig absurd waren, aber denen er durch seine Stellung und Emotionalität viel Gehör verschaffte», meint Selg.


Arbeiter interessieren sich für die Lehre
Nach der anfänglichen Skepsis der Anwohner gelang es Steiner und seinen engeren Mitarbeitern jedoch, eine positive Beziehung zu den etwa 600 Arbeitern am Goetheanum aufzubauen. Er habe ihnen – in ihrer bezahlten Arbeitszeit – seine Ideen, Vorhaben und die Anliegen der Anthroposophie als einer humanistischen Geisteswissenschaft erklärt, so Selg. «Den Arbeitern wurde das Ganze immer sympathischer – zumindest hatten sie Respekt vor dem geistigen Anliegen und bemerkten, dass es sich um keine sektiererische Gruppe mit ‹okkulten› Anliegen handelte, auch nicht um das beabsichtigte ‹Zentrum› einer mächtigen Bewegung», betont Peter Selg. Das Goetheanum sei von Kully als «Tempel von Dornach» beschrieben worden; tatsächlich habe Steiner jedoch mit seinem Hochschul-, Sozial- und Kulturimpuls ganz andere, zivilgesellschaftlich relevante Ziele verfolgt.

Nach und nach fanden die Menschen aus den Dörfern Dornach und Arlesheim ins Goetheanum und gingen zu Theater und Musik, zu Weihnachtsspielen, zur Eurythmie oder einzelnen Vorträgen. Doch: «Manche Probleme verursachten die Anthroposophen auf dem Hügel auch selbst. Ich hätte ihnen insgesamt ein grösseres Interesse am Ort und seinen Bewohnern gewünscht, weniger Arroganz und mehr Empathie, mehr Interesse am Ort und seinen Leuten», kritisiert Selg. Steiner und Wegman verhielten sich anders, sie seien den Dorfbewohnern zugewandt und dankbar gewesen, interessierten sich wirklich für die Schweiz und diese Gegend. «Das war aber keinesfalls bei allen Anthroposophen so. In dieser Hinsicht ist allerdings sehr vieles besser geworden.»


Ein neuer Betonbau entsteht
In der Silvesternacht 1922/1923 brannte der Holzbau nieder – es war höchstwahrscheinlich Brandstiftung. Peter Selg ist überzeugt: «Wenn Sie sich mit den Texten und Reden beschäftigen, die im Umfeld von Pfarrer Kully und anderen ab 1920 gegen das Goetheanum, Steiner und die Anthroposophie lanciert wurden, mit all dem Hass, der Wut und all diesen Zerstörungsaufrufen – mit kontinuierlicher Steigerung bis in die Brandnacht hinein – so ist das eine eindeutige Anstiftung, emotional, aber auch physisch.»
Vom ersten Goetheanum blieb nur der Betonsockel übrig. Steiner, der grossen Gefallen an der Schweiz gefunden hatte und in Dornach bleiben wollte, liess sich vom Brand nicht entmutigen. Bereits drei Monate später veröffentlichte er die Pläne für einen zweiten Bau. Es sollte ein mächtiges Gebäude aus Beton werden. «Die Formensprache ist komplett anders, von aussen nach innen, mit mächtiger Fassade, ‹zum Schutz für den, der Geistiges in diesem Goetheanum sucht›, wie Steiner einmal in Erläuterung der Form sagte», führt Selg aus. Die Bauarbeiten begannen 1925, kurz vor Steiners Tod am 30. März desselben Jahres. Er starb im Alter von 64 Jahren – die Vollendung des neuen Goetheanums, das heute Menschen aus der ganzen Welt bewundern, erlebte er nicht mehr.