Dornach
02.09.2020

«Sie können nach Hause gehen, wir werden ewig weiterspielen»

Verführerisch: Herr Androbus (Orell Semmelroggen) wird von Sabina (Anna Sarah Waterstradt) bezirzt.  Foto: Laura Pfaehler

Verführerisch: Herr Androbus (Orell Semmelroggen) wird von Sabina (Anna Sarah Waterstradt) bezirzt. Foto: Laura Pfaehler

Das Ensemble der Jungen Bühne Dornach ist im Stück «Noch einmal davongekommen» nach Thornton Wilder über sich hinausgewachsen.

Von: Thomas Brunnschweiler

Nach der Premiere brach das Publikum im Grundsteinsaal des Goetheanums in lang anhaltenden Applaus aus. Jeder im Saal fühlte sich von Thornton Wilders Drama, eines der meistgespielten Stücke der Nachkriegszeit, angesprochen. Als das Stück «Wir sind noch einmal davongekommen» 1942 Premiere hatte, liefen nach dem ersten Akt viele Zuschauer aus dem Theater. Für die USA war das unorthodoxe epische Comedy-Drama starker Tobak. Es brach mit allen etablierten Konventionen. Die Junge Bühne zeigt, dass Wilders Welttheater noch nie so aktuell war wie heute.


Ein modernes Welttheater
Die Tragikomödie spielt während der Eiszeit, der Sintflut und in der damaligen Gegenwart. In den drei Akten lösen sich die Grenzen von Raum und Zeit auf. Das Stück ist als Theaterprobe angelegt.

Die Truppe spielt eine Durchschnittsfamilie: Mr. und Mrs. Androbus, Sohn Henry, Tochter Gladys und das Hausmädchen Sabina. Hinter dieser zweiten Ebene repräsentiert die Familie die Menschheit. George Androbus ist Adam, der Abkömmling der roten Ackererde (Adamah); Mrs. Androbus ist Eva oder Chava (Leben, Belebte); Henry ist der Brudermörder Kain. Gladys ist Lilith, ein weiblicher Dämon, der dem Teufel widersteht und sich als Frau emanzipiert. Sabina verkörpert den Typus des unemanzipierten Weibes. Die Familie durchlebt drei existenzielle Katastrophen, aber Mr. Androbus – griechisch Anthropos: Mensch – hört nie auf, an die Zukunft der Menschheit zu glauben. Im Gegensatz zu vielen zeitgenössischen Autoren war Thornton Wilder Optimist.


Textfassung und Regie überzeugen
Das Drama bedient sich vieler Techniken: Radio, Film, Musical. Einmal ist der Text humorvoller dahinplätschernder Smalltalk, dann wieder ernsthafte Erörterung. Das Stück hat absurde Züge, ohne absurdes Theater zu sein. Die Theaterillusion wird immer wieder durch Einwände und Proteste unterbrochen. Eine Schauspielerin holt ein Mädchen aus dem Publikum, das auf der Bühne auf Schweizerdeutsch seinen Weltschmerz ausbreitet. Diese Szene gehört zu den zehn Prozent des Textes, die nicht von Wilder stammen. Textfassung und Regie von Andrea Pfaehler überzeugen durchweg.


Grossartige Ensembleleistung
Es wäre ungerecht, Einzelne hervorzuheben, weil das Ensemble durchgehend sein Bestes gibt. Im dritten Akt wird eine vierte Ebene eingezogen: die psychoanalytische. Der Schauspieler, der den zerstörerischen einsamen Wolf Henry spielt, bricht aus der Rolle aus, weil er sich selbst von seinem Vater traumatisiert erlebt. Es ist der Showdown des Vater-Sohn-Konflikts, der schliesslich zur Versöhnung führt. Die Rolle hilft hier den Schauspielern, und die Schauspieler der Rolle auf die Sprünge. Lukas Hayoz spielt Henry so authentisch, dass dem Publikum angst und bange wird, ob jetzt Hayoz oder Henry ausrastet. «Sie können nach Hause gehen, wir werden ewig weiterspielen», dies ist die Botschaft des brandaktuellen Stücks. Zu erwähnen ist auch das hervorragend gestaltete Programmheft.