Politik und Religion: ein gefährlicher Mix

Am letzten Donnerstag fand im reformierten Timotheus-Zentrum die öffentliche Premiere der szenischen Lesung «Zwingli unter Zwang» unter der Regie von Niggi Ullrich statt.

Hörgenuss: Täufer Enoch Schnurrenberger (Sebastian Mattmüller) spricht mit einem Apfel; daneben die Schauspielerin
Hörgenuss: Täufer Enoch Schnurrenberger (Sebastian Mattmüller) spricht mit einem Apfel; daneben die Schauspielerin

Wo Politik und Religion eine Symbiose eingehen, ist das Resultat meist unerquicklich bis toxisch. Die Geschichte zeigt immer wieder, dass der Machtanspruch eine Religionsgemeinschaft oder Kirche zu kriegerischen Auseinandersetzungen führt. Gottfried Keller, ein bekennender Atheist, reflektierte den schmerzvollen Weg der Eidgenossenschaft zum modernen Bundesstaat und griff dabei auf die Vorgänge während der Zürcher Reformation zurück. In der Novelle «Ursula» von 1877 geht es um Liebe, Verirrung, Macht und Verrat der eigenen Ideale. Zwingli erscheint — anders als im Film von 2019 — weniger als Handelnder, vielmehr als Opfer der Umstände und seiner Halsstarrigkeit.

Liebesgeschichte und Mahnung

Im Jahre 1523 kehrt der Reisläufer Hansli Gyr in seine Heimat am Zürichsee zurück, um festzustellen, dass seine Verlobte Ursula dem Wahn der Täufer verfallen ist. Hansli wird zum Parteigänger von Zwingli, der in Zürich die evangelische Lehre predigt und die Obrigkeit davon überzeugen kann. Hansli rettet Ursula und andere Täufer aus dem Gefängnisturm in der Limmat. Die Täufer werden aufgrund ihrer Unbotmässigkeit gegenüber der Obrigkeit unerbittlich verfolgt. Zwingli, der in seinen ersten Jahren als Theologe Pazifist gewesen ist («Nie wieder Krieg!»), beharrt auf der gewaltsamen Ausbreitung der Reformation in den fünf katholischen Ständen der Innerschweiz («gerechter Krieg»). Die katholischen Stände erklären Zürich 1531 den Krieg. Die Zürcher Truppen werden im 2. Kappelerkrieg vernichtend geschlagen. Zwingli findet den Tod und wird gevierteilt.

Hansli überlebt die Schlacht nur dank der aufopfernden Pflege durch Ursula, die unterdessen wieder zur Besinnung gekommen ist. Die beiden werden ein glückliches Paar. Keller zeigt im unterdessen mächtigen Stand Zürich, dass sowohl territoriale wie wirtschaftliche Expansionsgelüste in den Abgrund führen müssen. Keller ist nicht an theologischen Positionen interessiert, sondern an deren Wirkungen für das Staatswesen. Darum kann er auch den Politiker Zwingli zum Helden stilisieren, wogegen ihm die Anarchie der Täufer zutiefst fremd bleibt. Darin gibt er sich als ehemaliger Staatsschreiber sehr staatsmännisch.

Vorteile der szenischen Lesung

Im Gegensatz zum opulenten Film kann sich das Publikum bei der Lesung stärker aufs Wort konzentrieren. Das Ensemble TmT mit Sabine Fehr, Sebastian Mattmüller und Heinz Margot machen den Abend zu einem Hörgenuss. Ausschnitte aus «Ursula» wechseln mit Zitaten aus Gottfried Kellers Bettagsmandaten, aus Zwinglis Schriften und anderen Texten. Die Adaptation des Stoffs gelingt Niggi Ullrich und der Dramaturgin Eva Tschul-Henzlová, ohne modisch oder künstlich modernisierend zu wirken.

Weitere Aufführungen: 22. September, 20 Uhr, Ref. Kirche Aesch; 29. September, 20 Uhr, Ref. Kirchgemeinde Arlesheim. Reservation bei den Kirchgemeinden.

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