Jüngels ästhetische Lust an der Formulierung

Tagsüber schreibt er für das «Goetheanum», abends poetische Geschichten. Als Schriftsteller ist Sebastian Jüngel, der seit 20 Jahren in Dornach lebt, Romantiker, aber durchaus nicht weltfremd.

Sebastian Jüngel: Der Redaktor und Schriftsteller in seiner bevorzugten Umgebung.  Thomas Brunnschweiler
Sebastian Jüngel: Der Redaktor und Schriftsteller in seiner bevorzugten Umgebung. Thomas Brunnschweiler

Der gebürtige Berliner, den man stets als freundlich, verbindlich und zuvorkommend erlebt, hat sich etwas Jungenhaftes bewahrt. Wenn er mit einem redet, huscht manchmal ein argloser Schalk über sein Gesicht. Mit der Anthroposophie kam Jüngel mit sechzehn in Berührung. Nach dem Abitur studierte er Germanistik und Informatik an der Freien Universität Berlin und ein Jahr in Basel. Zum Lehramtsstudium gehörten auch Erziehungswissenschaften, Fachdidaktik und Philosophie. Sein Engagement in einer Arbeitsgruppe zur Waldorfpädagogik während der Studienzeit und seine Beiträge in anthroposophischen Zeitschriften führten dazu, dass er nach Studienabschluss 1997 als Redaktor der Wochenschrift «Das Goetheanum» angestellt wurde. Heute ist er als Redaktor, in der Kommunikation und als Publizist tätig – und eben als Schriftsteller.


Geprägt von Romantik und Neuromantik

Sebastian Jüngel las und schrieb schon als Kind viel. «Am meisten prägten mich in meiner Kindheit Märchen und Otfried Preussler, in der Jugend Gottfried Keller, Michael Ende und E. T. A. Hoffmann, später dann Manfred Kyber und Patrick Roth», sagt er. Bereits in seiner ersten, teilweise grotesken Erzählung «Der leere Spiegel» von 2006 verweist das strukturbestimmende Doppelgängermotiv auf E. T. A. Hofmann. Auch die Frage nach der Identität zeigt den Einfluss des grossen romantischen Autors. Im Berlin-Roman «Der Jugendwächter» von 2009 durchdringen sich Realität und phantastische Elemente. Hier beweist Jüngel, dass er sowohl den lakonischen Erzählton als auch den Essaystil beherrscht.

«Der Stein? Nein!» mit dem Untertitel Vor allem Märchen verweist auf Jüngels Neigung zum Märchen und zur gleichnishaften Kurzgeschichte. Selbst ein Wort wie «Sprühnebelregenbogenglitzerfreude» nimmt sich bei ihm nicht manieriert aus, sondern zeigt, wie kreativ die synthetische Kraft der deutschen Sprache sein kann. Zwei sorgfältig von Johanna Schneider bebilderte Märchen folgten 2013 und 2015.


Buch mit ungewöhnlichem Ton

Im letzten Herbst fand im KunstRaumRhein in Dornach die Vernissage seines neuesten Buches statt. «Die Taube» ist eine Legende, die einen anderen Ton anschlägt als die frühen Prosatexte. Das Buch beginnt wie ein Gedicht, lyrisch, fast hymnisch, rhythmisiert in der Sprache, mit Wiederholungen und mit starken Bildern arbeitend. Die Taube ist Friedenssymbol, aber im Abschnitt, wo sich unter ihr eine Bibel entzündet, erhält sie für einige Menschen eine offenere Bedeutung. «Die Taube» ist ein Buch, das man nicht schnell durchlesen kann. Es erfordert Musse, ja lautes Vorlesen, Gestaltung der Sprache. Man spürt Jüngels ästhetische Lust am Formulieren. «Ich suche nach einem poetischen Weg in der Literatur», sagt er, «Sprache kann sogar symphonisch werden.» So viel sei verraten: Sein nächstes Buch ist schon in Planung.


Sebastian Jüngel: Die Taube. Eine Legende, <link http: www.chmoellmann.de die_bucher sebastian_jungel sebastian_jungel.html external-link-new-window>Verlag Ch. Möllmann, Borchen 2016, 44 Seiten, Fr. 19.90.

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