«Es ist fast, als sprächen sie mit mir»
Bei einer Kräuterwanderung hat es ihr den Ärmel reingezogen. Nun ist Madeleine Michel selbst Kräuterexpertin. Ihr Motto: Es ist gegen fast alles ein Kraut gewachsen. Die Schulmedizin brauche es aber trotzdem.

Vor vierzehn Jahren hat Madeleine Michel die letzte Gesichtscreme im Supermarkt gekauft. Seither fertigt sie ihre Pflegeprodukte selbst an – vom Deo über die Körper- zur Lippenpflege. Wir treffen die 61‑Jährige in ihrem Haus in Hochwald. Tinkturen, Salben und getrocknete Blüten füllen den Raum, der früher eine Garage war. Mädesüss bei Kopfschmerzen, Spitzwegerich bei Insektenstichen und Löwenzahn für die Verdauung – für viele Wehwehchen hat die Natur ein Kraut bereit. «Kräuter helfen uns grobstofflich, etwa bei einem Ausschlag oder Husten. Aber sie sind auch feinstofflich unterwegs.» Was das bedeutet? Michel holt ein Fachbuch hervor und erklärt: «In einer Urtinktur ist eben nicht nur ein Teil eines Krautes vorhanden, sondern die ganzen anderen Informationen der Pflanze. Auch der Prozess des Pflanzenauszuges ist für das Endprodukt wichtig.» Eine spirituelle Ader sei allerdings keine Voraussetzung für die Arbeit mit Kräutern, sagt die Expertin und ergänzt: «Wir können vieles mit Kräutern behandeln oder unterstützen. Die Schulmedizin braucht es aber trotzdem. Das ist für mich ganz klar.»
Wenn Michel über Kräuter spricht, ist ihr die Begeisterung anzusehen. Der Respekt, den sie jedem Zweig, jedem Blatt zollt, ist deutlich spürbar. So spricht sie eine Rose auch mal mit «Schätzeli» an oder streicht sanft über das unscheinbare, aber duftende Labkraut. Jede Pflanze habe ihr eigenes Wesen. «Grün ist nicht gleich grün», sagt Michel, als wir durch ihren kleinen Garten streifen. Starre Beete gibt es hier keine; der Garten ist von einer kuratierten Wildheit geprägt. Hier wachsen viele der Pflanzen, die sie für ihre Produkte verwendet.
Alles, was sie dort nicht findet, sammelt sie bei Spaziergängen mit ihrer Hündin. Dabei hat Michel immer einen Blick auf Wegränder und Wälder: «Mit der Zeit kennt man alle Orte, an denen Kräuter wachsen.» Sie spüre, wenn eine Pflanze gepflückt werden könne. «Es ist fast, als sprächen sie mit mir», sagt Michel und lacht. Allerdings werde es zunehmend schwieriger, Kräuter am Feldrand zu finden, denn die intensive Bewirtschaftung und Düngung von Feldern mögen viele Kräuter nicht. «Das ist aber kein Vorwurf an die Landwirte», hält Michel fest.
Lieblingspflanze: Die «Stress-Killerin»
Zu ihrer Leidenschaft ist die pensioniere kaufmännische Angestellte durch eine Kräuterwanderung gekommen. «Da hat es mir den Ärmel reingezogen», sagt sie lachend. Es folgte eine Ausbildung an der Heilpflanzenschule in Freiburg zur Phytopraktikerin. Die Abschlussarbeit schrieb sie über ihre Lieblingspflanze, das Johanniskraut. Sie gilt als «Stress-Killerin» und wird bei depressiven Verstimmungen eingesetzt, aber auch bei Entzündungen oder Magen-Darm-Beschwerden.
Nach ihrer Ausbildung besuchte Michel unzählige Seminare und Workshops. Seither bietet die Wahl-Hoblerin Workshops und Kurse an, in denen sie ihr Wissen weitergibt. Daneben frönt sie ihrer zweiten Leidenschaft, dem Malen. Den Pinsel über die Leinwand gleiten zu lassen, habe für sie etwas Meditatives. Diesen Ausgleich kann Michel derzeit gut brauchen: Zusammen mit ihrem Mann Geri ist sie Teil des OKs von «800 Joor Hobel» und hat entsprechend viel zu tun. Das Dorffest wird von 21. bis 23. August in Hochwald stattfinden. Sollte es allzu stressig werden, hilft das Johanniskraut.


